geistiges_eigentum_internet.pdf Geistiges Eigentum im Internet:
Ist alte Weisheit ewig gültig?
JAMES BESSEN UND ERIC MASKIN
(CC-Lizenz siehe Seite 463)
Das Wachstum des Internets setzt die etablierten Formen des Schutzes geisti-
gen Eigentums wie Urheber- und Patentrechte unter Druck. Informationen,
einmal ins Internet gestellt, lassen sich leicht kopieren. Wo die Kopierkosten
niedrig sind und die Anonymität gewahrt bleibt, reagieren die Rechteinha-
ber mit verschärfter Durchsetzung bestehender Rechtsansprüche und rufen
nach dem Gesetzgeber. Doch der Ansatz, bestehende Rechtsansprüche zu
verschärfen und neue zu schaffen, erweist sich im Internet als problema-
tisch, wenn es darum geht, Innovation zu fördern. Im vorliegenden Aufsatz
wird an Beispielen gezeigt, dass Anwender innovative Beiträge leisten, denen
aber Urheberrecht und Patentrecht entgegenstehen. Die Autoren argumen-
tieren, dass das Internet spezi sche ökonomische Eigenschaften aufweist,
die eine re exartige Verschärfung von Ansprüchen auf geistiges Eigentum
jedenfalls im Internet als ein ungeeignetes Instrument zur Innovationsför-
derung erscheinen lassen. Vielmehr gibt es empirische Evidenz dafür, dass
schwächere Rechte des geistigen Eigentums die sequentielle Innovation bes-
ser unterstützen würden: Imitation erhöht in einer dynamischen Umgebung
die Innovationsanreize; Lizenzierungskosten vermindern Innovationsanrei-
ze; reines Kopieren wäre zu verhindern, kreative Nachahmung hingegen zu
fördern.∗
1. Einleitung
Das Wachstum des Internets setzt die etablierten Formen des Schutzes geistigen
Eigentums wie Urheber- und Patentrechte unter Druck. Informationen, einmal ins
Internet gestellt, lassen sich leicht kopieren. Wo die Kopierkosten niedrig sind und
die Anonymität gewahrt bleibt, reagieren die Rechteinhaber mit verschärfter Durch-
setzung bestehender Rechtsansprüche und rufen nach dem Gesetzgeber, den Rechts-
schutz auszuweiten: Zusätzlich zu den bestehenden Schutzrechten sollen neue Formen
∗ Der Text wurde von den Autoren für das vorliegende Buch aktualisiert. Die Übersetzung erfolgte
mit Genehmigung seitens der Autoren durch Bastian Zimmermann, Clemens Brandt und Robert A.
Gehring. Wir danken den Autoren für die Genehmigung zum Abdruck.
James Bessen und Eric Maskin
von Inhalten , Medien und Zugriffsmöglichkeiten von Gesetzes wegen unter Schutz
gestellt werden. Man kann diese Bemühungen als Teil einer seit 20 Jahren währenden
Entwicklung sehen, die stets in Richtung Ausweitung von geistigen Eigentumsrechten
und Intensivierung von deren Durchsetzung geht. Allerdings ist diese Reaktion nicht
notwendigerweise angemessen, zumal im Internet.
In diesem Aufsatz wird argumentiert, dass das Internet und das darauf aufbauende
World Wide Web spezi sche Eigenschaften aufweisen, die einen solchen Ansatz die
permanente Verschärfung der Schutzrechte als ungeeignet erscheinen lassen. Das
Internet ist eine hochgradig dynamische und interaktive Gemeinschaft. Und tatsäch-
lich ist ein groÿer Teil der Software, auf der das Web basiert, Open-Source-Software.
Der vorliegende Aufsatz präsentiert in aller Kürze ein formales ökonomisches Mo-
dell zur Beschreibung einer solchen dynamischen und interaktiven Umgebung. Das
Modell legt den Schluss nahe, dass unter den im Internet herrschenden Bedingungen
sowohl die einzelnen Rechteinhaber als auch die Gesellschaft im Ganzen eher von
schwächeren als von verschärften Schutzrechten pro tieren würden.
Politiker sollten daher vorsichtig sein: Die überlieferte Ansicht, dass stärkere Schutz-
rechte für geistiges Eigentum automatisch die Innovationsanreize verstärken würden,
basiert auf ökonomischen Modellvorstellungen, die dem Internet oft nicht gerecht
werden.
2. Das traditionelle Modell von geistigem Eigentum
Üblicherweise wird strenger Schutz für geistiges Eigentum immer damit begründet,
dass er für Autoren und Er nder den Anreiz bewahrt, überhaupt etwas zu schaffen.
Ausführlich lautet die Begründung folgendermaÿen:
Kreative Tätigkeit birgt typischerweise erhebliche Kosten. Zwar sind Künstler, Au-
toren und Er nder nicht unbedingt ausschlieÿlich oder vorrangig von der Aussicht auf
nanziellen Gewinn motiviert; dennoch kann der kreative Prozess, von der ursprüng-
lichen Idee über ihre Entwicklung bis hin zur Verbreitung eines Werkes, so aufwendig
sein, dass viele Urheber einen nanziellen Ertrag brauchen, um ihre Entwicklungs-
kosten wieder zu erwirtschaften. Dieser Ertrag dient daher als Innovationsanreiz .
Wenn eine Arbeit kopiert wird, entgehen dem eigentlichen Autor/Er nder
mögliche Verkäufe, also Pro te. Deshalb reduziert eine Umgebung, die das
(kostenlose) Kopieren ermöglicht, den Innovationsanreiz. Mit einer geringeren
Aussicht auf Pro te werden manche Urheber die anfänglichen Entwicklungsin-
vestitionen nicht aufbringen können oder wollen. Sie werden sich daher gegen
eine kreative Tätigkeit entscheiden.
Der Rechtsschutz für geistiges Eigentum erschwert die Nachahmung und steu-
ert so diesem Erosionseffekt entgegen. Der Schutz ermutigt Er nder und Au-
toren in ihrem Schaffensprozess, wovon im Gegenzug die gesamte Gesellschaft
pro tiert.
In einem solchen Modell ist stärkerer Schutz automatisch besser: Stärkerer Schutz
bewirkt eine Abnahme der Imitation, erhöht somit die Investitionsanreize und führt
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Geistiges Eigentum im Internet
letztendlich zu höherer Wohlfahrt. Diese Argumentation klingt überzeugend und ist
seit über 200 Jahren grundlegend für einen starken Schutz des geistigen Eigentums.
Und doch ist das ökonomische Modell, das diesem traditionellen Argument zu-
grunde liegt, überraschend beschränkt. In Wahrheit ist kreative Tätigkeit oft nicht der
Arbeit einsamer Schöpfer geschuldet. Vielmehr ist sie interaktiv und schlieÿt Beiträ-
ge von vielen verschiedenen Seiten ein. Tatsächlich ndet Innovation oft schrittweise
statt. Jeder Innovationsprozess baut auf den Ergebnissen des vorangegangenen Schrit-
tes auf, um eine Verbesserung zu erzielen. Das Standardmodell setzt Nachahmung oft
mit Kopieren gleich. Wenn jedoch Innovation schrittweise statt ndet, ist Nachahmen
mehr als Kopieren und stellt eine Bereicherung dar.
Das herkömmliche Modell basiert auf der Annahme eines einzelnen Schöpfers.
Tief verankert in unserer Kultur ist das Bild des Kreativen als eines romantischen
Individuums: der Künstler in der Dachstube oder der Er nder in der Garage. Ein
Teil der Überzeugungskraft des Standardmodells beruht auf unserer Angewohnheit,
kreative Tätigkeit für das Spezialgebiet einsamer Genies zu halten.
Ein Ort, wo dieses vertraute Denken mit der Realität in Kon ikt gerät, ist das
World Wide Web. Das Web wird oft als Gemeinschaft bezeichnet. Es bietet den
einzelnen Kreativen eine wunderbare Möglichkeit, ihre Werke zu veröffentlichen;
zugleich offeriert es Möglichkeiten zur interaktiven Kommunikation. So bildet es den
Nährboden für schrittweise Weiterentwicklungen.
Es ist hilfreich, einige Beispiele interaktiver und schrittweiser Innovationen im Web
zu betrachten, um die Unzweckmäÿigkeit des herkömmlichen Modells von geistigem
Eigentum in dieser Umgebung besser zu verstehen.
3. Einige Beispiele für interaktive und schrittweise Innovation
3.1. Interaktive Foren
Ein bekanntes Beispiel für interaktive Entwicklung ist das interaktive Forum. Als Druck-
zeitschriften zunehmend im Netz veröffentlicht wurden, richteten ihre Herausgeber
häu g auch sogenannte Foren ein. Diese interaktiven Webseiten bieten den Lesern
bzw. der gesamten Öffentlichkeit die Möglichkeit, unabhängig Kommentare und Mei-
nungen zu publizieren. Typischerweise kommen vielfältige Dialoge mit den Autoren
von Artikeln zustande, die auch abgedruckt werden. Manche von ihnen nehmen die
Form von Echtzeit-Gesprächen an, andere werden in E-Mail-Archiven gespeichert.
Die Autoren steuern neues Material bei und diskutieren darüber mit den Lesern; die
Leser wiederum liefern Feedback und bauen die Diskussion oft aus. Im Ergebnis
entsteht eine stark erweiterte Version des Leserbriefs mit sehr viel komplizierteren
geistigen Eigentumsrechten.
Eine interaktive Website, auf der der Austausch Unbedarfter 1 zu Kon ikten mit
dem geistigen Eigentum geführt hat, ist das Online Guitar Archive (OLGA). OLGA
wurde 1992 von James Bender gegründet und bietet ein Archiv mit etwa 28 000
von Nutzern eingestellten Gitarren-Tablaturen sowie Gitarrenübungen und andere
1 Das ist in Bezug auf das geistige Eigentum gemeint; Anm. d. Ü.
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Unterstützung für Gitarristen. Die ehemals von der University of Nevada, Las Vegas,
(UNLV) gehostete Seite war sehr beliebt: Nutzer luden sich von ihr etwa 200 000
Dateien pro Woche herunter.
Gitarren-Tablaturen sind eine Form der Musiknotation, die Bund- und Saiten-Fin-
gersätze anzeigen. Die Tablaturen werden üblicherweise von Liedtexten begleitet. Da
Gitarrenakkorde oft auf verschiedene Art gegriffen werden können, bieten die Tabla-
turen Anleitungen zu ihrer Umsetzung. Insbesondere helfen sie Gitarristen, die wie
bestimmte Künstler auf CDs und anderen Aufnahmen klingen wollen. Für deren Spiel
sind oft keine Noten verfügbar und selbst wenn, so treffen diese im Allgemeinen nicht
genau auf die Aufführung auf der Aufnahme zu. Tablaturen werden üblicherweise von
anderen Musikern als den ursprünglich spielenden notiert.
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