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Wirtschaftsmacht Indien Oliver Müller Chance und Herausforderung für uns ISBN 3-446-40675-1 Vorwort Weitere Informationen oder Bestellungen unter http://www.hanser.de/3-446-40675-1 sowie im Buchhandel Software statt Schlangenbeschwörer Lange war Indien ein Synonym für unbeschreibliches Elend, okkulte Sekten, Schlangenbeschwörer, Fakire und Unberühr- bare. Das Land schien gefangen in politischer, sozialer und ökonomischer Stagnation. Doch in den vergangenen 15 Jah- ren hat es Wirtschaftsgeschichte geschrieben: Die Nation mit der zweitgrößten Bevölkerung der Welt hat sich in Re- kordzeit von einer rückständigen Agrargesellschaft in eine wissensbasierte Dienstleistungswirtschaft verwandelt. Heu- te marschiert Asiens einstiges Aschenputtel als stolze Prin- zessin mit reicher Mitgift in den Ballsaal der Globalisierung. Investoren hofieren es als nächste große Wachstumsstory nach China – und als die letzte weltweit mögliche von die- sem Format. Präsidenten umwerben es als aufstrebende Welt- macht. Investmentbanker drängen sich seinen Firmen mit Angeboten zum Kauf deutscher Pharmahersteller oder ame- rikanischer Autozulieferer auf. Softwareprogrammierer fürchten es als unerschöpfliche Quelle billiger Konkurrenten. Statt mit Gurus, Slums und Schlangenbeschwörern macht Indien auf ein Mal als Technologienation Schlagzeilen, die Europa hochwertige Arbeitsplätze streitig macht. Nachdem sich China zu ihrer verlängerten Werkbank aufgeschwungen hat, ist Indien zum verlängerten Büro der Welt geworden und zu ihrem ausgelagerten Forschungslabor. Sein Eintritt in die Globalisierung eröffnet im Dienstleistungsbereich die- selben Möglichkeiten zur Kostensenkung wie zuvor schon bei der industriellen Massenfertigung. Seine Standortvorteile ent- wickeln einen Sog, der einen Strom von Ingenieurtätigkei- ten, Forschung und Verwaltungsarbeit aus Hochlohnländern anzieht. Damit hinterfragt Indien eine zentrale Annahme vieler Europäer: dass Dienstleistungen und Hochtechnolo- gie ihrer postindustriellen Gesellschaft ausreichend Wachs- tum und Arbeitsplätze sichern werden, wenn die letzte Fa- brik nach China oder Rumänien abgewandert ist. Darauf kann sich niemand mehr verlassen. Der parallele Aufstieg 2 Software statt Schlangenbeschwörer Indiens und Chinas nimmt Europa von zwei Seiten in die Zange: bei Muskel- und bei Hirnarbeit, bei Massenproduk- tion und Forschung. Der umfassende Wandel, der Indiens Wirtschaft und sei- ne Gesellschaft erfasst hat, fand lange keine ausreichende Aufmerksamkeit. Diese Zeit ist vorbei. Denn ins 21. Jahrhun- dert startet die Nation mit einem Wirtschaftsaufschwung, dessen Kraft nur noch von dem Chinas übertroffen wird. Fasziniert beobachtet die Welt nun das Erwachen des zwei- ten asiatischen Riesen. „Indiens leuchtende Hoffnungen“ sind dem „Economist“ eine Titelgeschichte wert. Im selben Heft berichtet das renommierte britische Magazin über „Deutschlands Niedergang“.1 Auch Amerikas führende Wirtschaftszeitschrift „Fortune“ feiert Indien auf dem Co- ver und jubelt: „Eine Technologie-Revolution. Eine neue Mittelschicht. Eine glühend heiße Wirtschaft.“2 „News- week“ präsentiert „Das neue Indien“ und erklärt es zu „Asiens zweitem Kraftzentrum“.3 Wachstumsraten von sieben bis acht Prozent pro Jahr machen Indien zu einem neuen Motor der Weltwirtschaft. Sie werten im Nachhinein auch einen Erfolg auf, den das Ausland lange kaum zur Kenntnis nahm: Ein junger, bitter- armer Vielvölkerstaat ist ohne den Umweg von Aufständen und Bürgerkriegen zur weltweit größten Demokratie auf- gestiegen. Damit ist Indien im 20. Jahrhundert der bemer- kenswerteste politische Erfolg aller Staaten gelungen, die aus dem Zerfall der europäischen Kolonialreiche hervor- gegangen sind. Es hat die konventionelle Annahme wi- derlegt, eine Nation müsse erst einen gewissen Bildungs- stand erreichen, minimalen Wohlstand genießen und eine Mittelschicht hervorbringen, bevor sie reif ist für freie Wah- len. Gleichzeitig hat Indien Erwartungen an sein wirtschaft- liches Aufblühen lange stärker enttäuscht als viele andere Schwellenländer. Verantwortlich dafür war sein Experiment mit dem Sozialismus. Indiens Entwicklung verläuft para- dox: Ein halbes Jahrhundert lang genoss es Demokratie oh- ne Marktwirtschaft. In diesem zentralen Widerspruch seines Software statt Schlangenbeschwörer 3 Werdegangs als Nation gründen weitere Folgewidrigkeiten: Ein bitterarmes Agrarland überspringt die Industrialisie- rung und startet mit der Ausfuhr von Dienstleistungen in die Weltwirtschaft. Erst dann holt es eine industrielle Revolu- tion nach. Aber statt eine arbeitsintensive Leichtindustrie auszubilden, wie es für ein Entwicklungsland logisch wäre, schwingt es sich aus dem Stand auf zum Standort für wis- sensintensive Fertigung. Hoher Mehrwert statt Masse ist dessen Erfolgsgeheimnis. Erst am Schluss vollzieht Indien die Modernisierung seiner Landwirtschaft, mit der alle an- deren Nationen Asiens ihren Aufstieg begannen. Sein Ent- wicklungsweg ist einzigartig. Das Land sperrt sich gegen Modelle, die anderswo erfolgreich waren. Aber nach langen Irrwegen hat es seinen Pfad zum Wohlstand gefunden. Das vorliegende Buch beschreibt Indiens Aufstieg zu ei- ner Wirtschaftsmacht und dessen Auswirkungen auf Euro- pa. Zu Beginn erläutert es, warum der derzeitige Boom kein Strohfeuer ist, sondern warum das Land auf Dauer stark wachsen wird. Es weiß die Globalisierung zu nutzen und bringt eine große, konsumkräftige Mittelschicht hervor. Einmal entfesselt, entrostet die Kraft des Wettbewerbs seine Wirtschaft und lockert eine lange starre Gesellschaftsord- nung auf. Außerdem ist Indien jung: Eine halbe Milliarde Inder sind unter 25. Seine Jugend macht das Land offen für Wandel und hilft, die Überalterung des Westens auszuglei- chen. Stabilität erlangt Indiens Aufschwung auch durch sei- ne demokratische Ordnung. Vor allem sorgt eine offene Ge- sellschaft dafür, dass das Spiel der freien Marktkräfte besser funktioniert als in China. Den Wettstreit der Entwicklungs- modelle, den sich beide liefern, umreißt das Anfangskapi- tel ebenso wie die Herausforderungen, vor denen Europa angesichts des gleichzeitigen Erstarkens dieser zwei Nationen steht. Beide Aspekte werden im Folgenden ver- tieft. Indien fordert uns vor allem durch eine Wissensrevo- lution heraus, die es zur verlängerten Denkfabrik der Welt macht. Dies ist das Thema des zweiten Kapitels. Das Land erobert einen Spitzenplatz im Forschungs- und Entwicklungs- 4 Software statt Schlangenbeschwörer netz westlicher Unternehmen. Zugleich schwingen sich ein- heimische Technologiefirmen zu harten Wettbewerbern glo- baler Größen auf. Die Verlagerung anspruchsvoller Arbeit nach Indien trifft eine lange privilegierte Schicht: Sie setzt das Einkommensniveau von Angestellten und Facharbei- tern in Europa und den USA unter Druck. Der Westen steht dadurch vor dem Verlust eines uralten Wissensmonopols, dem er seine Dominanz verdankt. Ein Exkurs erläutert, wa- rum in Indien Wissensindustrien entstehen, wie sie kein an- deres Schwellenland hervorbringt. Der Hauptgrund sind seine guten Universitäten und deren Elite-Anspruch. Zu- gleich ist eine Betonung der Naturwissenschaften seit alters her in der Kultur des Landes verankert. Nicht billige Fließbandarbeiter, sondern Fachkräfte, die Produkte billig entwickeln und vollautomatisierte Ferti- gungsstraßen warten, ermöglichen auch den Aufschwung von Indiens verarbeitender Industrie. Damit entstehen neue Verlagerungsmöglichkeiten bei der Produktion wissensin- tensiver Industriegüter. Indien hilft westlichen Firmen nun auch im Produktionsbereich beim Meistern der Globali- sierung. Deutsche, Amerikaner und Japaner bauen das Land wegen seiner Vorteile bei Forschung und Fertigung zu einer neuen Drehscheibe für weltweite Exporte aus, und sie entdecken es als Alternative zu China. Dadurch droht Eu- ropas industrielle Basis schneller zu schwinden (Kapitel drei). Machtvolle Weichenstellungen einer Einheitspartei ha- ben Chinas Aufschwung ermöglicht. Marktgetriebener Wan- del von unten charakterisiert Indiens Entwicklungsmodell und hebt es von dem der Volksrepublik ab. Das vierte Kapi- tel beschreibt die treibende Kraft für sein Wirtschaftswunder: freie, kreative Unternehmer. Seit es diese von sozialistischen Kontrollen entfesselt hat, erlebt das Land eine Gründer- welle. Eine neue, erfolgshungrige Unternehmergeneration erobert von dort aus nun die Weltmärkte. Aufgewachsen ist sie in schwierigen Zeiten. Das hat sie gehärtet und zugleich flexibel gemacht. Die Fantasie, die Indiens verkrustetes Wirt- schaftssystem seinen Unternehmern lange abgenötigt hat, Software statt Schlangenbeschwörer 5 hilft ihnen auch beim Angriff auf Europas festgefahrene Strukturen. Als schöpferische Zerstörer schreiben sie die Spielregeln ganzer Branchen zu ihrem Vorteil um. Ihre Firmen gewin- nen weltweit Marktanteile bei Autoteilen, im Pharma- bereich, bei Feinchemie, Maschinenbau und IT-Diensten. Mit Übernahmen im Ausland verleiben sie sich moderne Technologien ein, neue Vertriebskanäle und bekannte Mar- ken. So entstehen globale Champions. Außer mit niedrigen Kosten konkurrieren indische Firmen aber auch mit intelli- genten Geschäftsmodellen, die Wettbewerber überrumpeln. Europäer müssen sich auf einen Kulturschock gefasst ma- chen: In naher Zukunft werden viele für neue Chefs arbei- ten, weil ihre Arbeitgeber von Indern übernommen werden. Kapitel fünf führt zurück in Indiens paradoxe Entwick- lungsgeschichte. In ihr wurzeln die Widersprüche zwischen unerfüllten Versprechungen und unverhofften Überra- schungen, mit denen das Land aufwartet. Die Vergangen- heit beeinflusst bis heute die Stoßrichtung und das Tempo von Reformen und birgt Zündstoff für die Zukunft.
files_hanser_de_hanser_docs_20061011_26111173212_38_3_446_40675_1_inhaltsverzeichnis_pdfWirtschaftsmacht Indien Oliver Müller Chance und Herausforderung für uns ISBN 3-446-40675-1 Inhaltsverzeichnis Weitere Informationen oder Bestellungen unter http://www.hanser.de/3-446-40675-1 sowie im Buchhandel Inhalt Software statt Schlangenbeschwörer . . . . . . . . . . 1 1. Die Geburt einer neuen Wirtschaftsmacht – Was Indien Kraft gibt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10 Warum der Boom kein Strohfeuer ist . . . . . . . . . . 12 Der Wettbewerb elektrisiert das Land . . . . . . . . . 16 Eine neue Mittelschicht stürzt sich in den Konsum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22 Die Armut sinkt – und die sozialen Gräben wachsen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26 Die Waagschalen der Weltordnung justieren sich neu . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28 China und Indien: Asiens Riesen laufen um die Wette . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 32 2. Die Wissensrevolution hebt an – Indien wird zum verlängerten Büro der Welt . . . . . . . . . . . 38 Deutsche Firmen verlagern ihre Forschung . . . . . 40 Unser Wissensmonopol bröckelt . . . . . . . . . . . . . 44 Warum der weltweite Handel mit Dienstleistungen abhebt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48 Inder greifen nach den Pfründen des Westens . . . . 51 Der Abfluss von Denkarbeit beschleunigt sich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 56 Wie Offshoring Indiens Wirtschaft beflügelt . . . . 63 Exkurs: Bildung – Indiens Erfolgsgeheimnis . . . . . 68 3. Die Wissenswelle rollt weiter – Indiens verspätete industrielle Revolution . . . . . . . . . 77 Ein Inder fordert ThyssenKrupp zum Duell . . . . . 78 Moderne Industrien gebären globale Champions . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83 VIII Inhalt Warum wissensintensive Fertigung „made in India“ blüht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87 Ausländer küren das Land zum High-Tech-Fertigungsstandort . . . . . . . . . . . . . . . 95 Der Exportweltmeister wird gefordert . . . . . . . . . 100 4. Inder in Nadelstreifen erobern die Welt – Indiens Unternehmer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 106 Ein Land im Gründerfieber . . . . . . . . . . . . . . . . . 108 Was Inder auf den Weltmarkt treibt . . . . . . . . . . . 112 Gestählt im Fegefeuer der Liberalisierung . . . . . . 116 Lakshmi Mittal und Europas Angst vor der Globalisierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 119 5. Schatten der Vergangenheit über Indiens Zukunft – Ein wirtschaftsgeschichtlicher Rückblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127 Die Geburt der Staatswirtschaft aus dem Geist der Industrialisierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 129 Das Plan- und Kontrollsystem nimmt Gestalt an . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 132 Nehrus Erben treiben das Land in den Ruin . . . . 135 1991 – Der Elefant wird entfesselt . . . . . . . . . . . . 140 Indiens „Herz der Finsternis“ – Entwicklungs- klüfte werden zur Zerreißprobe . . . . . . . . . . . . . . 143 6. Was Indien zurückhält – Strukturschwächen und Ansätze zu ihrer Lösung . . . . . . . . . . . . . . 151 Die Dauerkrise im Ackerbau bremst das ganze Land . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 153 Wird Landwirtschaft zur nächsten Goldgrube? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 156 Die Globalisierung erreicht die Dörfer . . . . . . . . . 159 Unregulierte Kleinindustrie – Löchriges Auffangbecken für Landflüchtige . . . . . . . . . . . . . 164 Massenarbeitslosigkeit – Die Zeitbombe tickt . . . 166 Inhalt IX Bürokratie, Infrastruktur und Arbeitsrecht – Indiens drei große Bremser . . . . . . . . . . . . . . . . . 168 Hoffnung auf eine zweite industrielle Revolution . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 176 Der Markt führt weiter, wo der Staat versagt – Privatschulen für Arme verändern das Land . . . . 179 Exkurs: Die drohende Energie-, Wasser- und Umweltkrise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 185 7. Megastädte zwischen Boom und Kollaps – Ein Streifzug durch die Metropolen . . . . . . . . . 192 Aufstieg und Fall der kolonialen Stadt . . . . . . . . . 194 Die Landflucht schlägt den Städten Narben . . . . . 197 Bombay – Das Wirtschaftszentrum harrt seiner Wiedergeburt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 200 Bangalore – Das Schaufenster der Globalisierung bekommt Kratzer . . . . . . . . . . . . . 206 Kalkutta – Ein Moloch erwacht zu neuem Leben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 212 8. Indiens demokratisches Abenteuer – Einblicke in Politik und Gesellschaft . . . . . . . . 217 Wie die Kraft einer Idee das Land verändert . . . . 218 Die Vorteile eines weichen Staats . . . . . . . . . . . . . 223 Die Demokratie gerät an ihre Leistungsgrenze . . . 225 Das politische Erwachen der Mittelschicht . . . . . 230 Vorahnungen auf Europas Zukunft . . . . . . . . . . . 232 Soft Power – Bollywood und Pop aus dem Punjab strahlen in die Welt . . . . . . . . . . . . . . . . . 234 9. Der Aufstieg zum politischen „Global Player“ 236 Entsteht ein gutmütiger Hegemon? . . . . . . . . . . . 237 Indiens neuer Umgang mit seinen Nachbarn . . . . 241 Ein weltpolitischer Test für Deutschland und Europa . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 245 X Inhalt 10. Auslandsinvestoren auf dem Marsch nach Indien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 248 Verschlafen wir einen Zukunftsmarkt? . . . . . . . . 253 Rezepte für den Erfolg auf dem indischen Markt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 257 Mit Indien auf dem Weltmarkt siegen lernen . . . 263 Die indische Herausforderung . . . . . . . . . . . . . . . . 268 Dank . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 283 Anmerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 284 Literatur und Informationsquellen . . . . . . . . . . . . 290 Register . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 295
files_hanser_de_hanser_docs_20061011_26111173212_38_3_446_40675_1_leseprobe_pdfWirtschaftsmacht Indien Oliver Müller Chance und Herausforderung für uns ISBN 3-446-40675-1 Leseprobe Weitere Informationen oder Bestellungen unter http://www.hanser.de/3-446-40675-1 sowie im Buchhandel 1. Die Geburt einer neuen Wirtschafts- macht – Was Indien Kraft gibt Seit den 60er Jahren quetscht sich Navinder Kalra von mor- gens bis abends hinter ein Holztischlein in seinem winzigen Fahrradladen. Der Ausschnitt der Welt, den er von dort über- blickt, sah lange gleich aus. An Kalras Geschäft auf dem Khan Market im Zentrum Delhis fuhren früher überwie- gend schneeweiße Autos des Typs „Ambassador“ vorbei. In diesen schrulligen Nachbauten eines britischen Morris’ aus den 50er Jahren ließen sich Bürokraten und Politiker zu der Einkaufsgegend kutschieren. Außer ihnen waren wenige in Delhi motorisiert. Das Volk fuhr Bus oder Fahrrad. Daher gingen Kalras Geschäfte gut. Doch seit einigen Jahren wird der Khan Market von Ver- änderungen erfasst, die den ergrauenden Händler in Stau- nen versetzen. „Man hat mir gerade 30 Millionen Rupien für den Kauf meines Ladens geboten“, wundert er sich, das entspricht über einer halben Million Euro und ist eine un- erhörte Summe in Indien. Als Miete für die paar Quadrat- meter werden ihm umgerechnet 5 000 Euro pro Monat in Aussicht gestellt. Seine Fahrräder tragen dem Händler nur einen Bruchteil davon ein, und seine Geschäfte laufen von Jahr zu Jahr schlechter. „Alle werden reicher“, beobachtet Kalra, „die Leute kaufen jetzt Motorräder.“ Und wer zuvor einen Motorroller fuhr, der kauft sein erstes Auto. Daran lässt der immer hoffnungsloser verstopfte Parkplatz vor seinem Laden keinen Zweifel. „Ambassadors“ stehen dort fast kei- ne mehr. Selbst Indiens Verwaltung stellt auf Hondas, Hyun- dais und Toyotas um. Der Ladenblock ist ein Barometer für den steigenden Wohlstand in Indiens Metropolen und verrät einiges über die Entwicklung, die das Land nimmt. Auf den ersten Blick sieht das staubige, von Bettlern umlagerte Geviert zwar nicht 1 Die Geburt einer neuen Wirtschaftsmacht 11 nach einer gehobenen Einkaufsgegend aus. Aber der erste Blick kann in Indien leicht täuschen. Die Gegend ist zum Tummelplatz einer neuen Mittel- und Oberschicht gewor- den. Diese Klasse setzt jetzt die Konsumtrends, und ihre Kaufkraft zählt, nicht mehr die der alten Elite aus Politi- kern, Bürokraten und eingesessenen Unternehmerfamilien. Für diese neue Schicht und ihre westlichen Ansprüche ent- stehen Restaurants, teure Boutiquen, Galerien, Kosmetik- Shops und Cafés, in denen ein Milchkaffee fast so viel kostet wie in Berlin. Lifestyle-Läden verdrängen rund um Kalras Geschäft die angestammten Buchläden und Tuchhändler. Der Fahrradverkäufer harrt aus, solange der Wert seiner Immo- bilie jedes Jahr um die Hälfte steigt. Aber bald wird auch er verkaufen. Dann muss niemand in seiner Großfamilie mehr arbeiten. Auch wenn sie nicht von der Immobilien-Hausse profi- tieren, geht es vielen Indern heute spürbar besser als noch vor wenigen Jahren, und zwar nicht nur in den Metropolen. Sie profitieren von dem Wirtschaftsboom, der das Land er- griffen hat. Anzeichen dafür finden sich überall: Die Net- tolöhne klettern jedes Jahr zweistellig, die Exporte florieren, und die Währungsreserven erreichen neue Rekordstände. Unternehmen melden Rekordgewinne, packen die größten Investitionen ihrer Geschichte an, schlucken Rivalen in aller Welt und schwingen sich zu neuen globalen Spielern auf. Von Delhi bis Kalkutta schießen Trabantenstädte mit Mil- lionen neuen Einwohnern in den Himmel, selbst in Provinz- städten entstehen Shopping-Malls, und die Zahl der Autos wächst so schnell, dass im Verkehr der Städte kaum noch ein Durchkommen ist. Flüge nach Bombay, Bangalore und Delhi sind überbucht. Hotels quellen über vor Managern aus Europa, Amerika und Japan auf der Suche nach Inves- titionsmöglichkeiten. Der Wandel macht vor nichts Halt: Mit einem Mal explodieren sogar die Preise für moderne in- dische Kunst. Der Hunger von Neureichen nach kulturellen Statussymbolen macht junge Maler mit einem Schlag zu Millionären. 12 1 Die Geburt einer neuen Wirtschaftsmacht Warum der Boom kein Strohfeuer ist Der Dynamisierungsschub, der Indien erfasst hat, kumuliert in der wichtigsten Kennzahl für den wirtschaftlichen Erfolg einer Nation: dem Bruttoinlandsprodukt. In den drei Fis- kaljahren zwischen 2003 und 2005 wuchs die Wirtschaft im Schnitt mit acht Prozent.4 Indien wächst nun deutlich schneller als mit den bereits ansehnlichen sechs Prozent, die es seit Beginn der Liberalisierung 1991 im Schnitt erzielt hat. Vor allem ist dem Land ein Quantensprung gelungen über den abschätzig „Hindu-Wachstumsrate“ genannten Wert von 3,5 Prozent. Damit musste es sich begnügen, solange seine Politiker die Marktkräfte knebelten. Seit sie der Na- tion Anfang der 90er Jahre zur politischen auch die wirt- schaftliche Freiheit geschenkt haben, hellen sich die Zu- kunftsaussichten immer mehr auf: „In den kommenden fünf Jahren wird Indien auf einen Wachstumskurs von zehn Pro- zent einschwenken“, ist Premierminister Manmohan Singh sicher. Dieser Optimismus ist neu, und er verrät einen Gesin- nungswandel. Anstatt Mittelmäßigkeit wie früher mit demo- kratischen Sachzwängen zu bemänteln, wagen Inder kühne Träume und stecken sich und ihrer Nation höhere Ziele. Wachstumsraten wie in China scheinen Optimisten plötzlich in Reichweite. Für eine langfristige Expansion der Wirtschaft um neun oder zehn Prozent, wie sie der Volksrepublik ge- lingt, braucht Indien weitere durchgreifende Reformen, vor allem in der Art, wie der Staatsapparat mit Ressourcen um- geht, Infrastruktur schafft und öffentliche Dienste gewähr- leistet. Nicht alle davon werden gelingen, vor allem nicht schnell. Aber seit 1991 hat jede Regierung, egal welcher po- litischen Couleur, das Reformrad weitergedreht. Oft geschah das langsamer, als der Wirtschaft lieb war. Indien fordert Geduld. Aber es belohnt sie. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts haben die vielen kleinen Liberalisierungsschritte der vergangenen Jahre eine kriti- sche Masse erreicht. Indien ist der Sprung gelungen auf ein dauerhaft höheres Wachstumsniveau. Selbst wenn es die an- Warum der Boom kein Strohfeuer ist 13 gestrebten zweistelligen Wachstumsraten verfehlen sollte, dürfte seine Wirtschaft auf Jahre mit sieben bis acht Prozent expandieren. Dafür gibt es viele Gründe: Indien gliedert sich schnell in die Weltwirtschaft ein. Seine Warenausfuhren legen Jahr für Jahr um mehr als ein Fünftel zu, die Exporte hochwertiger Dienstleistungen steigen sogar um ein Drittel oder mehr. Das unterstreicht die Wettbewerbsvorteile, die das Land genießt, seit es sich der Globalisierung verschrieben hat. Gleichzeitig erlebt die Binnenwirtschaft einen Nachfrage- schub: Das Pro-Kopf-Einkommen nimmt um rund sechs Pro- zent pro Jahr zu. Hält dieses Tempo an, wird es in 15 Jah- ren anderthalbmal höher liegen als heute. Ein weiterer Stützpfeiler des Aufschwungs ist Indiens günstige Bevölkerungsstruktur. Das Durchschnittsalter be- trägt 25 Jahre, und ein Drittel seiner Einwohner ist unter 15. Indien hält damit das weltweit größte Reservoir junger Menschen bereit: Jeder vierte Erdenbürger unter 25 ist In- der. Irgendwann in den kommenden drei Jahrzehnten wird Indien China als Land mit der größten Bevölkerung der Welt ablösen. Alleine zwischen 1991 und 2001 ist seine Bevölke- rung um 180 Millionen auf 1,1 Milliarden angeschwollen. In einem Jahrzehnt kamen mehr Menschen hinzu, als Bra- silien Einwohner hat. Doch nun sinkt die Geburtenrate. Von 2,3 Prozent Ende der 60er Jahre hat sich das Bevölke- rungswachstum auf 1,4 Prozent verlangsamt. Bald dürfte es unter ein Prozent fallen.5 Erstmals ist seine Bevölkerungs- entwicklung für Indien damit keine Bürde mehr, sondern ein Vorteil. Sie fördert exponentielle Wachstumsraten wie in al- len asiatischen Ländern, die zuvor so eine demographische Wende erlebt haben, unter anderem Japan, Südkorea, Tai- wan, Thailand, China. Die Jugend einer Nation ist für sich genommen kein Ga- rant für eine gute Wirtschaftsentwicklung. Aber demogra- phische Veränderungen sind eine der wenigen relativ genau kalkulierbaren Zukunftsparameter. In Indien wird der Anteil der Bevölkerung im wirtschaftlich aktiven Alter in den kom- menden zwei Jahrzehnten um 270 Millionen Menschen an- schwellen, während er in vielen anderen Ländern schrumpft. 14 1 Die Geburt einer neuen Wirtschaftsmacht Alle zwei Jahre kommen in dem Land so viele neue Arbeits- kräfte hinzu, wie in ganz Deutschland vorhanden sind. Nach außen sendet das eine Lawine billiger Arbeiter und Akademiker auf einen zunehmend globalisierten Arbeits- markt. Gleichzeitig erhält ein ergrauender Westen ein Reser- voir neuer Arbeitskräfte, das er zu seiner Verjüngung drin- gend braucht. Nach innen stärkt Indiens Bevölkerungsentwicklung den Konsum und stützt das Wachstum, denn sie fördert einen sich selbst tragenden Kreislauf von Kapitalanhäufung und Investitionen. Der Bevölkerungsanteil der Inder im arbeits- fähigen Alter nimmt stark zu, während die Geburtenrate deutlich sinkt. Daher muss eine größere Zahl wirtschaftlich Aktiver weniger Kinder ernähren, kleiden und ausbilden und kann selbst mehr verbrauchen. Gleichzeitig wird mehr ge- spart, und daher kann auch mehr investiert werden. In der kurzen Zeit zwischen 2001 und 2004 schoss Indiens Spar- quote von 23 Prozent auf 29 Prozent des Bruttosozialpro- dukts hoch.6 30 Prozent gelten als die Schwelle, ab der Ent- wicklungsländer langfristig exponentiell wachsen. Indien wird diese bald überschreiten. Kapitalakkumulation dersel- ben Größenordnung hat zuvor allen andern asiatischen Staa- ten zu einem Entwicklungssprung verholfen, von Japan über Südkorea bis China. In Indien geschieht nun dasselbe.















