Was heißt für mich digital?Wenn ich das Wort "digital" höre, denke ich zuerst an Armbanduhren, die Ziffern anstatt Zeiger zeigen. Sie schreiten teilweise auf Hundertstel genau voran und messen ein Konstrukt, das die Menschen sich zum Einteilen einer Spanne ausgedacht haben und das jetzt das Leben bestimmt, wie kein anderes Konstrukt.
Ob nun mit Zeigern oder mit eckigen Zahlen - es ändert sich nicht am Konstrukt selbst.
Das Feld des Coaching ist - um im Zeitgefüge zu bleiben - eine noch sehr junge Disziplin. Sie erkundet, testet, sieht Erfolge und wird auch in den nächsten Jahren noch wichtiger werden und sich viel mit dem Thema Zeit auseinander setzen (müssen). Denn wie wir unsere Zeit einteilen (egal ob digital oder analog), Prioritäten setzen und uns nicht von einem Konstrukt selbst in den Wahnsinn treiben lassen, ist schon jetzt Thema vieler Coachings und auch privater Gespräche.
Junge Disziplin bedeutet immer auch, dass nicht in allen Ecken eine schnelle Entwicklung vonstatten geht. Die Psychologie und speziell das Coaching legt viel Wert auf den Menschen an sich. Nat ürlich auch in Verbindung mit Technik, der Reaktion darauf und auch deren Nutzung im Alltag. Trotzdem scheint ein Herangehen an „digitales Coaching“ eher spärlich voran zu kommen. Woran liegt das?
Die Schnittpunkte und Möglichkeiten im Coaching zur Digitalität sind zahlreich. Ich nenne nur einige, bei denen ich selbst mich auch schon wohl fühle und positive Erfahrungen gemacht habe:
- Es werden Videoaufnahmen von Situationen festgehalten und sofort bietet sich die Möglichkeit der Analyse von Selbst- und Fremdbild zusammen mit dem Coachee.
- Digitale Fotoaufnahmen von Aufstellungsszenarien zeigen IST-Zustände, die später mit SOLL-Zuständen vergleichbar sind, um im besten Fall einen Prozess vom Wunsch zur Realität deutlich zu machen. Sie können auch dazu dienen, Erinnerungen als Desktophintergrund zu schaffen.
- Kontaktaufnahmen oder Standardmails können automatisiert und so zu bestimmten Zeitpunkten ohne Zutun verschickt werden. Z.B. einen Tag vor einer Coachingsitzung, um den Coachee einzustimmen oder auf ein spezielles Thema vorzubereiten oder auch einen Tag nach einer Sitzung, um die bearbeiteten Themen zu reflektieren, den Coachee zum Festhalten und Anpacken zu animieren. Oder auch ein Jahr nach dem Abschluss des Coachings, um zu hören, wie es ihm in der Vergangenheit widerfahren ist, wie er vorankam, ob er weiterführende Unterstützung benötigt (Kundenbindung; CRM).
- Tablets können als schnelle und unkomplizierte Variante dienen, Notizen handschriftlich festzuhalten, mit dem Coachee zu teilen (Schaubilder, Beispielzeichnungen, Metaphern...) oder papierlos und sicher zu archivieren, wortweise durchsuchbar zu machen (OCR) und ein kompliziertes Archivierungssystem zu ersetzen.
- Entfernungen werden leicht mit einer Skypessession überbrückt und lassen Reisekosten im Nu verschwinden.
- Zur Terminfindung sind Tools wie Doodle oder TimeBridge mittlerweile Standard geworden und gerade bei Trainings, Team-Coachings und anderen Sitzungen mit mehreren Beteiligten kann alleine die Organisation eines Termines haaresträubender Zeitfresser sein.
Wo kann das helfen und wo ist es hinderlich?Sicherlich helfen elektronische Medien bei der Organisation und Nachbearbeitung, beim Teilen von zusammen Erarbeitetem. Digitales kann Papier einsparen, macht Überarbeitungen leicht und kann effizient Prozessübersichten bieten - mit der Hand eher schwierig und umständlich zu erschaffen.
Trotzdem: Im direkten Kontakt mit Klienten sind digitale Hilfen zumindest beim Coaching meiner Erfahrung nach selten. Das liegt
- zum Einen natürlich am anfangs angesprochenen Schritthalten in der Disziplin des Coachs. Stifte und Papier, Metaplanwand, Magnetwand, System-Brett und vielleicht mal ein Laptop samt Beamer. Das reicht vielen (vorerst). Es fehlen die Vorbilder, es fehlt die Öffentlichkeit der Tools und Apps, vielleicht fehlt es auch an Ideen.
- Zum Zweiten liegt es an den Klienten. Etwas auf Papier zu kreieren ist handfest und ist gewohnt. Schaubilder und Prozessgrafiken auf einem iPad aufzuzeigen ist neu und auch oft noch mit Vorbehalten verbunden (Abstürze? Strom? Zu abgefahren und hipp?).
Wie wird es weitergehen?Die Zeit - egal ob analog oder digital - wird es zwingend mit sich bringen, dass sich nicht nur um das Coaching alles ändert, sondern auch mittendrin. Wo früher der Student komisch angeschaut wurde, der einen Laptop auf dem Tisch stehen hatte und heutzutage kaum noch einer ohne sein digitales Schätzen in die Uni geht, wird auch in Training, Coachings die Technik Einzug einhalten.
Unter einer Bedingung: auch die Coachees gehen in ihrer Denke mit.
Rapport heißt das Wunderwort. Wie so oft.