Nur wer Weitblick beweist, hat die Chance zur Veränderung. Denn erst der Blick über den Horizont schafft Orientierung. Und nur wer über eine solide Wertebasis verfügt, vermag Sinn zu vermitteln. Deshalb brauchen Unternehmen werteorientierte Führungskräfte, die ins Offene gehen, die keine Angst vor Unbekanntem haben, die bereit sind für Neues. In einem Wort: Grenzüberschreiter, die bei sich selbst angekommen sind. Und deshalb für die heikelsten Aufgaben einsetzbar sind. Sie sind die Joker des Unternehmens.
KarstadtQuelle AG – Ankommen bei sich selbst
Ankommen bei sich selbst
Werteorientierte Führung beginnt beim Ich – ein Essay
von Alexandra Hildebrandt.
Nur wer Weitblick beweist, hat die Chance zur Veränderung. Denn
erst der Blick über den Horizont schafft Orientierung. Und nur wer
über eine solide Wertebasis verfügt, vermag Sinn zu vermitteln.
Deshalb brauchen Unternehmen werteorientierte Führungskräfte,
die ins Offene gehen, die keine Angst vor Unbekanntem haben, die
bereit sind für Neues. In einem Wort: Grenzüberschreiter, die bei
sich selbst angekommen sind. Und deshalb für die heikelsten Auf-
gaben einsetzbar sind. Sie sind die Joker des Unternehmens.
„S icherlich war ich um eine faire Behandlung meiner Mitarbeiter be-
müht, aber habe ich wirklich verstanden oder überhaupt darüber
nachgedacht, was es bedeuten würde, der Organisation, für die ich verant-
wortlich war, einen Sinn, mit dem sich meine Belegschaft identifizieren
kann, zu geben? Und falls ich diese Notwendigkeit gesehen hätte, hätte ich
gewusst, wie ich diesen Sinn finden kann?“ Das schreibt Ute Sommer, die
Herausgeberin des E-Journals Philosophie & Wirtschaft im Rückblick auf
ihre internationale Managerkarriere.1
In diesen zwei Sätzen konzentriert sich die Einsicht, dass es eines überge-
ordneten Ziels bedarf, um führen zu können. Es bedarf des Weitblicks, denn
nur wer von einem erhöhten Platz aus über den Horizont sieht, hat die
Chance, etwas zu verändern. Jede Veränderung, die mit der Möglichkeit
verbunden ist, sich zu entwickeln, beginnt mit einer Vision, einem „Durch-
blick“ zu einem – möglichen – Sinn, und einer Entscheidung, zu handeln.
Gertrud Höhler schreibt dazu in ihrem Buch Die Sinn-Macher: „Wohin will
eine Firma sich bewegen, die keinen Horizont erkennt, hinter den sie
morgen schauen möchte? ‚Sinn‘ entsteht nur, wenn wir vom
Realen ins Virtuelle blicken dürfen. Hohe Motivation ist nur so
erreichbar. Alles andere wird irgendwie erledigt, drittklassig und
verwechselbar. Wer in einer sinnorientierten Company lebt, hat
also große Vorteile: Er weiß, warum es sich lohnt, sein Bestes zu
geben. Es geht nämlich um nichts Geringeres als um Durchblicke
auf Sinn – für ihn, für die andern, für die Company. Meine Ziele,
deine Ziele, Firmenziele. Endlich stimmt die Gleichung.“ 2 Die
© KarstadtQuelle AG, Fotograf: Christian Klose.
Gleichung stimmt, wenn ein Sinn gegeben ist, der Orientierung
schafft. Und deshalb beginnt werteorientierte Führung beim Ich.
Wer etwas verändern will, muss zu vielem bereit, aber nicht zu
allem fähig sein. Nicht alles, was getan werden könnte, darf auch
getan werden. Das weiß jeder, der werteorientiert führt. Und er
weiß, dass er nur eine Person zu führen hat: sich selbst. Wesent-
lich ist dabei das Prinzip Eigenverantwortung: Dahinter steht das
Bild des selbstbestimmten Menschen, der sich aus eigener Über-
zeugung Werten verpflichtet fühlt. Gemeint sind hier keine
materiellen „Werte“, sondern jene, die dafür stehen, was einen
Menschen oder ein Unternehmen ausmacht. Es geht um die
added values, um Werte jenseits des Profits. Die Fähigkeit zur
© changeX Partnerforum [07.11.2006] Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved. www.changeX.de 1
KarstadtQuelle AG – Ankommen bei sich selbst
Autonomie ist verbunden mit dem Vermögen des Werterkennens, denn wer
eigenverantwortlich arbeitet und sich selbst führt, muss eine Wertebasis
haben. Wer sie nicht hat, für den ist auch die Welt wertlos.
Einer werteorientierten Führungskraft geht es vor allem um die Umsetzung Gehen – manchmal
der Werte in Tugenden, wie Rüdiger Safranski gesagt hat: Werte, die gewusst ohne zu wissen, wohin.
werden, sollen in jene umgewandelt werden, die gelebt werden. Dabei folgt
sie der klassischen Grundregel der Verhaltensethik: „Was du nicht willst, das
man dir tu’, das füg’ auch keinem anderen zu.“ Er achtet andere, weil er sich
selbst achtet. Er nimmt „Rück-Sicht“, weil er weiß, dass er nur vorwärtskommt,
wenn er seine Mannschaft „abgeholt“ hat. Schon Jesus von Nazareth, für
viele Menschen der Inbegriff des Retters, Rebellen und Sinnstifters, fragte die
zwölf Apostel stets nach ihrer Bereitschaft, ihm zu folgen: „Seid ihr bei mir?“
Wer werteorientiert führt, ist sich bewusst, dass nur, wer sich auch emo-
tional bewegt, etwas bewegen und bewirken kann. Er sagt die Dinge, wie er
sie meint. Bevor er etwas tut, kündigt er es an, er praktiziert Fairplay. Dazu
gehört auch die nötige Umsicht. Er ist sich seiner zeitlich begrenzten Ver-
pflichtung bewusst und kann im richtigen Moment loslassen. Er hat den
Mut zu gehen – manchmal ohne zu wissen, wohin. Er weiß, dass erst im
Gehen der Weg vertraut wird. Und er liebt es, immer neue Erfahrungen unter
immer neuen Umständen zu machen. Er bevorzugt die unbesetzten Gebiete,
wo es noch etwas zu entdecken gibt. Er lässt zu, dass das Leben im Fluss bleibt,
und macht sich so weniger Probleme. Er kann warten im Bewusstsein, dass
alles mit der Zeit kommt. Er ist sich darüber im Klaren, dass nur Bescheid
geben kann, wer selbst bescheiden ist. Er achtet auf sich und begegnet ande-
ren gegenüber mit Achtsamkeit.
Wer werteorientiert führt, steigt nicht zweimal in denselben Fluss und
macht sich immer wieder auf den Weg, der ihm erst im Gehen vertraut wird.
Das, was er tut, macht er mit völliger Hingabe und ohne sich allzu große Sor-
gen über die Konsequenzen zu machen. Er hat den Mut, einfach zu springen,
selbst wenn er nicht genau weiß, wo er landet. Denn wenn er sein ganzes Le-
ben auf der sicheren Seite bleiben würde, hieße das, mit dem weiterzumachen,
was er schon immer so gemacht hat. Er hat einen sprühenden Geist, denkt
mit Leidenschaft kühn und quer und denkt weiter – auch nach Feierabend.
Er hat Freude an Unvorhersagbarkeit und Unerwartetem, ist offen für die
Erfahrungen anderer. Er macht nicht einfach seinen Job, Arbeit ist ihm ein
echtes Bedürfnis.
Er vertraut sich dem Leben an, das ihm täglich neue Chancen bietet. Doch Das Leben ist wie
um die Hände für Neues frei zu haben, muss er zuvor Dinge loslassen. Die ein Kühlschrank.
Sängerin Kim Wilde sagte dazu kürzlich in einem Interview: „Halte in deinem
Leben immer ein bisschen Platz für etwas Neues frei.“ Ihre Begründung: „Ich
stelle mir mein Leben immer wie einen Kühlschrank vor. Manchmal ist er
total überfüllt, dann muss ich ein paar Sachen rausnehmen, sonst habe ich
keinen Platz mehr für schöne, frische Sachen. Es gibt Menschen, die nie et-
was wegschmeißen, aber ich will keine alten, verdorbenen Sachen behalten.
Sie stinken und nehmen Platz weg.“ 3
Eine werteorientierte Führungskraft kann nicht nur im richtigen Moment
loslassen, sondern auch in sich gehen, bei sich bleiben und gerät demzufolge
niemals außer sich. Selbstwerdung hat auch mit Selbstbegrenzung zu tun, die
zuweilen gesprengt werden muss, wenn es darum geht, sich zu entwickeln.
In diesem Zusammenhang sei an ein Bild erinnert aus Hermann Hesses
Roman Demian: „Der Vogel kämpft sich aus dem Ei. Das Ei ist die Welt. Wer
geboren werden will, muss eine Welt zerstören.“ So funktionieren auch Ver-
änderung und Innovation. Meist beginnt sie mit veränderten Lebensumstän-
den, untauglich gewordenen Strategien und dem Versuch, das eigene Verhal-
ten auf die neuen Anforderungen einzustellen.4 Ohne etwas zu verlassen und
© changeX Partnerforum [07.11.2006] Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved. www.changeX.de 2
KarstadtQuelle AG – Ankommen bei sich selbst
zu verlieren, kann sich nichts Neues entwickeln. Das gilt auch für Führungs-
prozesse, die zuweilen mit Kämpfen verbunden sind, die jeder auch gegen
sich selbst gewinnen muss durch zähes und ständiges Verschieben der eige-
nen Limits sowie durch die stetige Korrektur erkannter Fehler. Aber: „Ohne
Vertrauen kein Mut, die eigenen Grenzen zu verschieben“, schreibt Gertrud
Höhler.5
Werteorientierte Führung verlangt Menschenkenntnis, feine Antennen für
das eigene Umfeld, denn nicht jeder ist auf der gleichen Welle ansprechbar.
Eine gute Führungskraft zeichnet sich weiterhin dadurch aus, dass sie sich
der Verantwortung sich selbst gegenüber bewusst ist, aber auch sorgend An-
teil am Anderen nimmt. Zu ihrem Führungsstil gehören Fairness und das
Wahren der „Gürtellinie“. Sie leitet andere dazu an, ihren eigenen Lebensweg
zu gestalten, und befähigt sie dazu, sich selbst zu führen. Sie ist Ermöglicher
statt Bremser und schwimmt auch gern einmal gegen den Strom. Erfolg und
Scheitern sind für sie Teil eines abwechslungsreichen Lebens.
Begeisterungsfähigkeit und Einfühlungsvermögen sind ihr wichtiger als Das Warum ist nicht
Autorität. Aufgeblasene Hierarchien und Bevormundungen sind ihr deshalb wichtig, sondern das Wie.
suspekt. Sie ist ein guter Kommunikator, Vermittler und Verbinder. Dabei ist
sie ihren Aufgaben auch sprachlich gewachsen. Das Warum ist ihr nicht
wichtig, sondern das Wie. Eine werteorientierte Führungskraft macht sich
kein Bild über Menschen, bevor sie sich nicht mit ihnen verbunden hat.
Leben ist für sie mehr als nur Business, persönlicher Erfolg und Geltung.
Die Rahmenbedingungen für werteorientierte Führungskräfte sind in per-
sonifizierten Familienunternehmen häufig günstiger als in börsennotierten
Konzernen, da die Werte der Eigentümer wie Leitplanken sind, an denen sie
sich orientieren können; Beispiel wie die Otto Group oder Hipp zeigen das.
Konzerne müssen den Interessen der Shareholder folgen; ihr Ziel ist der
Shareholder-Value, eine möglichst hohe Rendite. Zudem versammeln sich in
der Anonymität eines gesichtslosen Großunternehmens auch gern jene
„Zeitgenossen“, die Erich Kästner „haufenweise“ in seinem gleichnamigen
Gedicht porträtierte: 6
„Es ist nicht leicht, sie ohne Haß zu schildern,
und ganz unmöglich geht es ohne Hohn.
Lesen Sie weiter im PDF