Der vierseitige Artikel liefert einen Überblick und eine Bewertung der gängigen Definitionen von Standardanwendungssoftware. Es werden die unterschiedlichen Kategorien abgegrenzt und der Begriff ERP-Software eingeführt.

Die folgende Darstellung ist ein gekürzte, überarbeitete und ergänzte Fassung aus
dem Buch: Hufgard, A.: Betriebswirtschaftliche Softwarebibliotheken und A-
daption. München 1994.
Definition und Abgrenzung des Begriffs
ERP/ERM-Standardanwendungssoftware
Dr. Andreas Hufgard
IBIS Prof. Thome AG, www.ibis-thome.de,
D-97082 Würzburg, Deutschland
E-mail: hufgard@ibis-thome.de
1 Definition.................................................................................................. 1
2 Kategorien von Standardsoftware .............................................................. 1
3 Kategorien von betriebswirtschaftlicher Standardanwendungssoftware ........ 4
1 Definition
Standardanwendungssoftware ist eine vom Entwickler in Datenstruktur, Funk-
tions- und Prozessgestaltung normierte Zusammenstellung von Verfahrensab-
läufen als Softwaresystem, dessen Verwendung für vielfältige Organisations-
bedingungen in unterschiedlichen Unternehmen vorgesehen und adaptierbar
ist. Der Grad der informationstechnischen Realisierbarkeit eines Verfahrens,
die Konvergenz der Anforderungen potentieller Anwender und die Entschei-
dung des Entwicklers über den Aggregationsgrad der Programmbausteine
bestimmen die Gestalt. Eine Individuallösung dagegen ist nicht auf breite bis
universale Verwendung hin konzipiert. Sie deckt genau bestimmte Ausprägun-
gen von wenigen (individuell) notwendigen Funktionen ab, die in einem kon-
kreten Anwendungsfall benötigt werden.
Die Bezeichnung „ERP“ oder „ERM“ steht für Enterprise Ressource Plan-
ning bzw. Management. Dies grenzt das Anwendungsspektrum der betrachte-
ten Software auf betriebswirtschaftliche Aufgabenstellungen in einem Unter-
nehmen bzw. der öffentlichen Verwaltung ein.
2 Kategorien von Standardsoftware
Die Abgrenzung der Anwendungssoftware von der Systemsoftware, wie Be-
triebssystem, Kommunikations- und Datenbanksoftware ist eindeutig. System-
software ist fast immer Standardsoftware, aber hier nicht weiter von Interesse.
Für die Anwendungssoftware gibt es einige Klassifikationsvorschläge. Zwei rela-
tiv unterschiedliche dienen als Beispiel:
Scheer unterteilt in…
Individualentwicklungen:
- eigenentwickelt und
- fremdentwickelt.
Standardsoftware:
- Spezialsystem,
- Familie und
- Anwendungssprache
[SCHE90, 139f.].
Thome unterteilt in…
Individualsoftware:
- werkzeugbasiert programmiert und
- problemorientiert programmiert.
Standardsoftware:
- horizontal,
• Werkzeug,
• Lösung,
- Branchen,
• parametrisiert und
• fest [THOM90, S- 4].
Scheer unterscheidet bei der Individualentwicklung nach den Kriterien eigen- oder
fremdentwickelt, was auf die Make-or-Buy Problematik hinweist. Bei Thome
steht bei der Individualentwicklung der technologische Aspekt im Vordergrund,
wenn er zwischen "werkzeugbasierter" 4.-GL- und "problemorientierter" 3.-GL-
Entwicklung unterscheidet.
Bei Standardsoftware klassifiziert Scheer Spezialsysteme für eng abgegrenzte
Aufgaben, z.B. Versandsteuerung, die ein hohes betriebswirtschaftliches und
EDV-technisches Niveau besitzen. Die Standardsoftwarefamilien haben darüber
hinaus noch den Vorteil der Integration und des breiten funktionalen Umfangs.
Die dritte Klasse besitzt noch keinen Lösungscharakter, es handelt sich um werk-
zeugartige Anwendungssprachen, die für entsprechende Zwecke betriebswirt-
schaftliche Basisfunktionen zur Verfügung stellen, aber noch mit einem Lösungs-
konzept programmiert werden müssen. Diese letzte Kategorie existiert heute nur
noch im Bürobereich, z.B. in Form einer Tabellenkalkulation, ansonsten ist sie
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Bestandteil von Softwarefamilien in der Form von Auswertungs- oder Verarbei-
tungsgeneratoren.
Thome unterscheidet zunächst nach dem Kriterium der Verwendungsstandardi-
sierung in Horizontal- und Branchensoftware. Die horizontale Standardanwen-
dungssoftware unterteilt sich in Werkzeuge ohne Lösungscharakter und Anwen-
dungen mit Lösungscharakter, z.B. Textverarbeitung. Bei den Branchenlösungen
wird in feste und parametrisierbare, nach dem Grad der Adaptionsfähigkeit unter-
schieden. Die Einteilung ist schlüssiger als die von Scheer, doch die Differenzie-
rung in horizontale und branchenorientierte Software ist nicht ausreichend, denn
fast alle betriebswirtschaftlichen Module, mit Ausnahme der Produktion, sind in
fast allen Branchen mehr oder weniger einsetzbar. Die Eignung für eine Branche
ist mehr ein Suchbegriff als eine Differenzierungsmöglichkeit.
Eine dritte Darstellung - ohne Unterteilung in Kategorien - liefert Osterle, der als
wesentliches Merkmal die Parametrisierung und Verwendung in vielen Organisati-
onen betrachtet. [ÖSTE97].
Wenn man sich an den wichtigsten Anwendungen orientiert, lassen sich drei Ka-
tegorien abgrenzen:
Als Standardbürowerkzeuge kann man die Endbenutzerprogramme von Elect-
ronic Mail bis hin zur Textverarbeitung ansehen. Grundsätzlich gilt, dass sie die
Möglichkeit bieten, bestimmte Funktionen und Vorgänge zu erfüllen. Das
Einsatzpotential ist unter-schiedlich und mehr oder weniger eng definiert, in der
Kombination aber enorm. Allgemein kann man sie auch als Bürowerkzeuge be-
zeichnen. Die technologische Innovationsgeschwindigkeit ist durch die weitge-
hende Standardisierung, den Konkurrenzdruck und die hohen Stückzahlen deter-
miniert. Ein betriebswirtschaftliches Paket muss für die Interaktion mit Bürowerk-
zeugen offen und integrierbar sein. Im Rahmen der Adaption können sie als Fron-
tends wichtige Dienste leisten.
Bekanntes Beispiel: Microsoft Office 2000
Technische Lösungen haben mehr mit den Eigenheiten der Leistungserstellung
eines Unternehmens zu tun. Sie dienen in erster Linie der Unterstützung von Ent-
wicklern und Technikern. Das Stichwort ist hier CIM, wozu verschiedene An-
wendungen der CA-Software (CAD, CAE, CAM, etc.) zählen. Die Bedeutung
der Lösungen ist hoch und eng mit den Produkten verbunden, auch die notwen-
dige Integration zur Betriebswirtschaft muss sichergestellt sein, doch die Adapti-
on dieser Systeme erfolgt unter anderen technischen Prämissen. Grenzfälle wie
Qualitätssicherung und Instandhaltung mag es geben, hier muss interdisziplinär
adaptiert werden.
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Bekanntes Beispiel: Autocad
Betriebswirtschaftliche Lösungen umfassen diejenigen betriebswirtschaftlichen
Aufgaben im Management von Betrieben, die über alle Unternehmen hinweg
gleich oder ähnlich anzutreffen sind. Der klassische Begriff "horizontaler Anwen-
dungen", der meist Personalabrechnung und Finanzbuchhaltung beinhaltet, ist
dabei erweitert um Anwendungen, die sinnvoll an verschiedene Unternehmen a-
daptierbar sind, z.B. aus den Bereichen Rechnungswesen, Anlagenwirtschaft,
Einkauf, Verkauf, Marketing, Materialwirtschaft, Lagerverwaltung, Produktions-
planung und -steuerung und Controlling.
3 Kategorien von betriebswirtschaftlicher Standard-
anwendungssoftware
Diese betriebswirtschaftlichen Lösungen – auch ERP oder ERM –Lösungen ge-
nannt (Enterprise Ressource Planung bzw. Management - sind Standardanwen-
dungssoftware im engeren Sinne.
Bekanntes Beispiel: SAP R/3 oder mySAP
Innerhalb dieser für betriebswirtschaftliche Zwecke entwickelten Standardanwen-
dung haben sich in den letzten Jahren wiederum gewisse Teilanwendungen als ei-
gene Produkte differenziert, die auf unterschiedlichen Technologien beruhen. Aus
den klassischen ERP-Lösungen haben sich rechenintensive Planungsaufgaben
aus den Bereichen Produktionsplanung, Absatzplanung et. al. als sogenannte
Supply-Chain-Management (SCM) Anwendungen „selbständig“ gemacht. Hin-
tergrund dieser Tendenz ist die Notwendigkeit einer speziellen massiv parallelen
Aufbereitung und Abarbeitung der Daten. Ähnliche Gründe sprechen für die Er-
stellung von Berichten mit der Data-Warehouse Technologie. Im Anwendungs-
gebiet des Customer Relationship (CRM) Management müssen ebenso Beson-
derheiten berücksichtigt werden, die bestimmte Technologien (dezentraler Lap-
topeinsatz, Telefonintegration) erfordern. Der technologische Innovationsdruck
hat insbesondere zu einer Reihe von speziellen Internetlösungen geführt, die für
Einkaufs- und Verkaufsabwicklung neue Gestaltungsformen erlauben.
Bekannte Beispiele: i2 (SCM), Siebel (CRM), Ariba (Internet Buy-Side-
Solution), Intershop (Internet Sell-Side-Solution) und SAP BW (Data-
Warehouse).
Literatur:
SCHE90 Scheer, A.W.: EDV-orientierte Betriebswirtschaftslehre. 4. Aufl., Berlin 1990.
THOM90 Thome, R.: Wirtschaftliche Informationsverarbeitung. München 1990.
OSTE97 Oesterle, H.: Standardsoftware – Auswahl und Einführung. In: Lexikon der Wirtschafts-
informatik, S. 379-381. 3. Aufl., Berlin et.al. 1997.
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