Börsen-Zeitung, 19.12.2008 Das Jahr 2008 wird Anlegern weltweit lange im Gedächtnis bleiben. Was als Krise der US-amerikanischen Immobilienmärkte Mitte 2007 begann, weitete sich als Flächenbrand der gesamten Finanzmärkte aus. In der dritten Welle ist nun die Realwirtschaft bedroht. Industriewerte leiden weltweit unter der beginnenden Rezession. Und nach Aussage der meisten Konjunkturexperten wird diese schärfer und weitreichender sein als jene nach dem Platzen der Internet-Blase 2001. Wachstumsprognosen werden reihum nach unten korrigiert. Der Vergleich mit 1929 und der danach folgenden Depression wird zunehmend bemüht ‑ so falsch er auch anmutet.
Börsen-Zeitung
Zeitung für die Finanzmärkte Ausgabe 246 vom 19.12.2008, Seite 2
Aktien bleiben wichtiges
Anlagevehikel
2009 profitiert Gold von der Krise
Von Horst Schneider und Heinz-Wer- werden. Und dann gilt es, die Ent- Kürze auch von der neuen US-Admi-
ner Rapp *) scheidung zu treffen. nistration unter dem neuen US-Präsi-
........................................................ Die Analyse fällt im ersten Blick er- denten Barack Obama ausgehen.
Börsen-Zeitung, 19.12.2008 nüchternd aus: Nach der massiven Trotz eines massiv eingeschränkten
Das Jahr 2008 wird Anlegern welt- Verkaufsphase im Oktober haben finanziellen Spielraums wird ein
weit lange im Gedächtnis bleiben. zahlreiche Märkte für Risikoaktiva Schwerpunkt der neuen Regierung
Was als Krise der US-amerikanischen zwar prinzipiell ein Stadium erreicht, auf der Bekämpfung der globalen
Immobilienmärkte Mitte 2007 be- in dem temporäre Stabilisierungen Wirtschaftskrise liegen, wie die Ret-
gann, weitete sich als Flächenbrand und begrenzte Erholungen möglich tungsbemühungen um die US-Auto-
der gesamten Finanzmärkte aus. In wären. Dennoch bleibt der Nachrich- mobilindustrie bereits zeigen. Dazu
der dritten Welle ist nun die Real- tenfluss aus der Realwirtschaft stark dürfte das gesamte Arsenal der Geld-
wirtschaft bedroht. Industriewerte negativ, und schnelle Verbesserun- , Fiskal- und Währungspolitik zum
leiden weltweit unter der beginnen- gen sind in nächster Zeit nicht zu er- Einsatz kommen. Als Folge davon
den Rezession. Und nach Aussage warten. Die konjunkturelle Abwärts- werden wir steigende Staatsausga-
der meisten Konjunkturexperten dynamik verläuft mit so hohem ben sehen.
wird diese schärfer und weitreichen- Tempo, dass selbst längst überfällige Wie geht es also weiter? Aktien
der sein als jene nach dem Platzen markttechnische Erholungen und bleiben vorerst weiter unter Druck.
der Internet-Blase 2001. Wachs- Gegenbewegungen an den Kapital- Bei Anleihen wird dagegen die positi-
tumsprognosen werden reihum nach märkten derzeit nicht stattfinden. ve Tendenz anhalten, da Inflations-
unten korrigiert. Der Vergleich mit Laufend neue Risikobewertungen raten und Leitzinsen 2009 deutlich
1929 und der danach folgenden De- und konjunkturelle Abwärtsrevisio- fallen werden. Das Umfeld für Immo-
pression wird zunehmend bemüht – nen erschweren die Stabilisierung bilien wird dagegen zunehmend ein-
so falsch er auch anmutet. der Märkte, zumal auch weiterhin getrübt. Der Verkaufsdruck steigt, da
Die Lage ist also ernst. Und dass noch zahlreiche Marktteilnehmer hier eine sehr negative Konjunktur-
dies Auswirkungen auf die Verwal- unter hohem Liquidationsdruck ste- sensitivität 2009 zu erwarten ist.
tung von Vermögen hat, liegt auf der hen dürften. Auch die Anlagebereiche der Alter-
Hand. Wenn die meisten Aktienindi- nativen Investments bleiben weiter
zes in einem Jahr zwischen 30 und Positive Zeichen unter Druck. Hedgefonds werden
50% Minus aufweisen, ist es schwie- wegen der Kapitalabflüsse und Pro-
rig, Vermögen zu bewahren. Bislang Nun zur positiven Seite: Trotz bleme im Finanzsystem Schwierig-
nicht gekannte Spitzen in den Volati- zahlreicher Probleme im Detail keiten haben, auskömmliche Rendi-
litäten stellen Vermögensverwalter haben die staatlichen Garantien und ten zu liefern. Selbst der klassische
ebenso auf die Probe wie die Tatsa- Rettungspakete dazu beigetragen, Krisenhafen Gold glänzt derzeit nur
che, dass vormals unkorrelierte oder akute Blockaden im globalen Inter- durch einen unklaren Trend bei
sogar negativ korrelierte Märkte nun bankenmarkt zu mildern. Letztlich gleichzeitig hoher Schwankungsbrei-
im Gleichklang schwingen. Mit ande- dürfte damit eine Rückkehr zur Nor- te. 2009 dürfte Gold aber klarer Pro-
ren Worten: Alle Märkte fallen malität im Finanzsystem eingeleitet fiteur von der expansiven Geldpolitik
gleichzeitig. Gegenläufige Tenden- worden sein. Auch andere Faktoren und den negativen Realzinsen sein.
zen, die üblicherweise im Rahmen dürften dazu beitragen, dass das Aus-
von Diversifikationsansätzen a la maß der Rezession zumindest abge- Heterogenes Bild
Markowitz zur Portfoliooptimierung mildert wird – so der starke Preis-
genutzt werden, verlieren unter die- rückgang bei Öl und anderen Der nähere Blick auf die einzelnen
sen Rahmenbedingungen an Bedeu- Rohstoffen. Dies wird 2009 zu einem Teilmärkte zeigt also bereits ein
tung. beschleunigten Rückgang der Inflati- durchaus heterogenes Bild, das sich
on in den wichtigsten Industrielän- von der negativen Gesamtstimmung
Durchhalten oder Festgeld? dern führen, was die Kaufkraft der der täglichen Berichterstattung
Konsumenten erhöht und den Noten- durchaus abhebt. Märkten mit wei-
Was ist also zu tun? Sollte sich der banken zügige Zinssenkungen er- terhin negativem Trend stehen
Anleger nun von seinen Vermögens- möglicht. Somit zeichnet sich eine durchaus schon wieder Chancen ge-
werten konsequent trennen? Sollte Phase konzertierter Reflationie- genüber. Die vorab gestellte Frage
der Investor seine Depotpositionen "
rung" durch die großen Notenban- verkaufen oder durchhalten" ist also
glatt stellen und in Festgeld flüch- ken ab. Die Leitzinsen in Großbritan- "
ebenfalls differenziert zu beantwor-
ten? Oder sollte er durchhalten"? nien, Euroland und anderen Regio- ten. Die Welt kann nicht in Schwarz
"
Diese Fragen sind berechtigt, und die nen werden in den kommenden und Weiß eingeteilt werden. Und
Beantwortung bedarf angesichts der Monaten signifikant sinken. Mit dem ebenso ist die Variante verkaufen"
Umweltbedingungen eines kühlen Herabschleusen der kurzfristigen "
und Flucht ins Festgeld nicht zu emp-
Kopfes. Zunächst gilt es, eine mög- Zinsen durch die Notenbanken wird fehlen. Erstens würden viele Anleger
lichst realistische Analyse des Status sich auch das Niveau der langfristi- nun Verluste – insbesondere im
quo zu erstellen. Danach sollten die gen Zinsen weiter zurückbilden.
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