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Fritz Boecker: „Wellness“ - Status Quo und Zukunft eines Mega-Trends

Fritz Boecker: „Wellness“ - Status Quo und Zukunft eines Mega-Trends
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Beschreibung

Kurzeinführung in das Thema:

Der Begriff „Wellness“ beschreibt einen der zukunftsträchtigsten Märkte weltweit und ist unbestritten einer der Mega-Trends der vergangenen Jahre. Dem globalen Trend nach Wohlfühlen und Gesundheit wird in jeglicher Hinsicht immer stärker Rechnung getragen. Explosionsartig ist der Wellness-Markt in den letzten Jahren gewachsen. Dabei ist es unerheblich, ob es sich um Wellness-Bücher, Wellness-Produkte oder Wellness-Reisen handelt. Vor dem Hintergrund dieser Vielfalt stellt sich die Frage, was genau sich eigentlich hinter dem Begriff „Wellness“ verbirgt bzw. wie dieser überhaupt definiert ist?

Immer öfter kursiert in diesem Zusammenhang auch der Begriff des „Wellnepp“ als Reaktion auf den inflationären Gebrauch des Wellness-Begriffes sowie die inflationär anmutenden Wellness-Angebote. Die bisher positive Einstellung gegenüber einer Vielzahl von Wellness-Trends weicht immer mehr einer zunehmenden Skepsis von Seiten der Verbraucher. Wie kann die Branche diesem negativen Sinnes-Wandel begegnen? Ist die Vokabel „Wellness“ noch zeitgemäß und weiterhin erfolgreich vermarktbar?

Insbesondere das touristische Wellness-Angebot hat in den letzten Jahren einen wahren Boom erfahren. Wellness-Reisen oder Wohlfühl-Wochendenden sind in den Reiseprogrammen fast aller Veranstalter zu finden. Aufgrund eines regelrechten Begriff- und Angebot-„Overlaods“ stellt sich hier die Frage, wie sich einzelne Anbieter noch profilieren können? Wie kann man sicher stellen, auch wirklich ein qualitativ gutes Angebot zu finden? Gibt es Qualitäts-Standards, an denen der Verbraucher sich orientieren kann?

Diese und weitere spannende Fragen beantworten Ihnen in diesem Virtual Roundtable renommierte Vertreter und Experten aus Touristikunternehmen, Wellness-Verbänden, Forschungsinstituten etc

Competence Site:

Was versteht man eigentlich unter dem Begriff „Wellness“ ? Gibt es überhaupt eine allgemeingültige Definition ?

Fritz Boecker:

Es gibt kurz- und langfristige Aspekte der Wellness

  • Narzistisch ‑ konsumorientiert ‑ Hedonismus (kurzfristig). Man lässt es sich gut gehen.
  • Ein höheres Bewußtsein für die Person, Träume, Wünsche, Defizite des Individuums, eine aktive, vom Vorsatz geprägte Geisteshaltung und Verhaltensweise (langfristig). Man tut etwas dafür, daß es einem gut geht.

Wie bei der Krankheit hat Wellness aktive und passive Elemente. Wellness ist ein Erlebnis, das einen überfällt und glücklich macht. Wellness reicht vom Einkaufserlebnis über das Erlebnis eines türkischen Bades bis hin zum religösen Erlebnis. Wellness ist ein paradiesischer Zustand, der nicht einfach zu erreichen ist.

Dieses Bedürfnis nach Wellness entspricht einem neuen Lebensgefühl, wir erkennen den Zusammenhang mit dem Ganzen. Wir erkennen, wie wichtig Gesundheit ist. Wir spüren, daß wir etwas tun wollen. Leo A. Nefiodow spricht vom Kontratieff-Zyklus „psychosoziale Gesundheit“. Wellness spielt sich in diesem Kontext ab und ist ein langfristiger Trend.

Nicht alles, was Wellness heißt, führt zur Wellness. Die Konsumwelt hat die Ansprüche so hoch gesteckt, dass immer neue Wellen uns in immer höhere Sphären der Wellness zu bringen versprechen. Mehr fordert mehr und macht in Wirklichkeit nicht glücklich. Das zeigen zahlreiche Konsumstudien.

Wellness als gesamtgesellschaftliches Phänomen geht über die rein konsumorientierte Orientierung der Vergangenheit hinaus. Es erfasst vielmehr Aspekte des persönlichen Lebensstils, der Umweltbedingungen, der beruflichen Sphäre und der privaten Beziehungen. Insofern ist es fast unmöglich, von einem einheitlichen Typus des „Wellness-Konsumenten“ zu sprechen.

Es geht dem „Wellness-Konsumenten“ nicht mehr um HABEN,sondern um SEIN. Er erwartet von Herstellern und Dienstleistern sinnvolle und praktizierbare Problemlösungen für das persönliche Erleben „neuer, (alter)Werte“: Familie, Freunde, Freizeit, Arbeit, Gesundheit. Dabei spielen für ihn emotionale Aspekte vielfach eine größere Rolle als materielle. Wellness gehört somit zur „Experience Economy“.

Ebenso wenig wie es einen einheitlichen Wellness-Kunden gibt, gibt es auch die „Wellness-Industrie“. Das Thema erstreckt sich über die Felder Ernährung, Gesundheit, Schönheit bis hin zum persönlichen Outfit oder Fitness und Sport. Soziodemografisch ist dementsprechend kaum ein gemeinsamer Nenner zu definieren.

Wellness-Kunden zeichnen sich aber generell durch eine starke Tendenz zur Selbstverantwortung und Selbstverwirklichung, Körperbezogenheit, Sinnlichkeit und einen aktiven Lebensstil aus, gekoppelt mit einer hohen Ausgabebereitschaft, sofern Produkte und Dienstleistungen den kritischen Erwartungen entsprechen.

Das Streben nach Wellness stellt für den Gesunden das dar, was für den Kranken die Therapie ist. Man muß etwas tun, damit es einem wieder besser geht. Der Kranke will in erster Linie gesund werden. Der Gesunde will genießen und dass es ihm gut geht. Das heißt, auch, wenn wir nicht krank sind, geht es uns nicht unbedingt gut, sonst bräuchten wir Wellness nicht. Somit steht Wellness zwischen Hedonismus und Prävention.

Hinter dem Begriff Wellness steht ein konkretes modernes Bedürfnis, das nicht mehr allein der körperlichen Gesundheit dient. Wellness ist die Suche nach sinnvollen ganzheitlichen Lebenskonzepten, die glücklich machen. Wellness ist mehr als ein Trend. Wellness ist der Beginn der Suche nach sozialer Überlebensfähigkeit. Wellness ist Religionsersatz. Die Suche nach dem Sinn des Lebens, weil wir die Religion verloren haben. Religiöse Menschen leben länger. Deswegen brauchen die Menschen Wellness.

Competence Site:

Im Zusammenhang mit einer regelrechten Begriffsinflation im Bereich „Wellness“ kursiert immer öfter auch der Begriff des „Wellnepp“. Wo genau liegt die Grenze zwischen diesen beiden Begriffen? Wie kann der Verbraucher sich vor „Mogelpackungen“ schützen? Der inflationäre Gebrauch von „Wellness“ führt dazu, dass die positive Stimmung gegenüber dem Begriff „Wellness“ zunehmend umschlägt. Wie kann Ihrer Meinung nach die Branche diesem negativen Sinnes-Wandel begegnen? Ist die Vokabel „Wellness“ noch zeitgemäß bzw. weiterhin erfolgreich und seriös vermarktbar oder droht sie in Kürze ersetzt zu werden?

Fritz Boecker:

Die ganze Welt entdeckt den Wellness Trend, Wellness wird Business. Das macht den Begriff kompliziert. Wellness-Anbieter sind verpflichtet, den Kunden glücklich zu machen. Dabei laufen sie selbst in die Komplexitätsfalle. Sie müssen immer mehr anbieten und machen dabei oft unglücklich.

Arzt und Apotheker sehen „Wellness“ mit Skepsis und ersetzen ihn durch Anti-Aging. Der Verbraucher will vertrauen und wird oft enttäuscht. Beide versuchen ihn zu verstehen und finden keine einfache Lösung. Auch die Scharlatane entdecken Wellness. Das ärgert den Gesundheitsprofi wie den Anwender. Doch die Grenzen sind fließend. Es sind nicht nur Scharlatane, die Wellness verkaufen.

Ob Wellness-Icecream unter die Kategorie „Wellnepp“ einzuordnen ist, mag der entscheiden, der den Geschmack beurteilt. Die Assoziation Wellness und Speiseeis ist zumindest als Begriff in Frage zu stellen. Die Tatsache, daß Wellness-Eis in der Regel den früheren Diätprodukten ähnelt, rechtfertigt allein nicht den Begriff Wellness und wird vom Verbraucher auch nicht als Mehrwert akzeptiert. Gleiches gilt für Wellness-Yoghurt, Wellness-Schuhe etc. Die Grenze ist allerdings fließend. Gerade bei den Füßen ist der Verbraucher eher geneigt, im Rahmen der Erholung den Begriff Wellness zu akzeptieren. Doch nicht jeder Schuh könnte als Wellness-Schuh positioniert werden. Ein Pantoffel hätte größere Chancen als ein Wanderstiefel.

Wenn ein ganz normales Dreisterne Hotel sich neuerdings als Wellness-Hotel verkauft, bloß weil es im Keller eine alte Sauna anzubieten hat und ansonsten keinerlei Anstrengungen macht, Wellness inhaltlich auszufüllen, ist das eine schlecht gemachte Repositionierung, die enttäuschte Kunden hinterlassen wird. Hier scheint mir der Begriff Wellnepp angebracht.

Letztendlich entscheidet über Wellness oder Wellnepp der Verbraucher. Ist der Verbraucher in seiner Erwartungshaltung bestätigt, wird er das Angebot akzeptieren und genießen. Ist er es nicht, wird er von Wellnepp sprechen, je nach Grad seiner Enttäuschung. Überteuerte Angebote, die keinen Erlebnischarakter haben sind Wellnepp. Wellnepp hat keine Chance auf dem Markt. Kundenbindung ist mit Wellnepp nicht möglich. Wellnepp ist eng gekoppelt an die Verletzung der Regeln Ehrlichkeit, Glaubwürdig und Ernsthaftigkeit. Hier lässt sich der Verbraucher nicht übertölpeln.

Der Wellnessbereich ist nicht per se preissensitiv. Für gute Angebote ist der Verbraucher bereit, einen hohen Preis zu zahlen. Um so ärger fühlt sich der Verbraucher von teuren inhaltslosen Wellnepp-Angeboten enttäuscht. Der Inhalt macht den Unterschied.

Wellness ist mit modernem Erleben eng verbunden. Ein nicht-aktualisiertes Angebot ohne Inhalt lässt sich nicht nachhaltig als Wellness positionieren.

Ein Problem ist die zunehmende Inflationierung des Begriffs. So kann man bereits heute feststellen, daß hochwertige Angebieter im Schönheits- und Gesundheitsmarkt den Begriff Wellness verlassen und statt dessen den exklusiveren Begriff SPA verwenden. Die Medizin weigert sich, von einer Wellness-Medizin zu sprechen.

Da Wellness kein geschützter Begriff ist, wird es im weiteren Verlauf davon abhängen, wer sich auf welchem Niveau an den Begriff bindet. Ich bin der Meinung, dass der Begriff Wellness als Begriff seinen Höhepunkt überschritten hat, das dahinter liegende Bedürfnis ist jedoch gefragter denn je und wird sich zur Not in neuen Begriffen formulieren.

Weder die Branche noch der Verbraucher kann sich vor einer weiteren Erosion des Begriffes Wellness schützen. Qualitativ hochwertige Kommunikation dieser erklärungsbedürftigen Branche sowie Markenbildung und Kundenbindung auf Seiten der Anbieter sowie gründliche Recherche und Hinterfragen der Angebote auf Seiten des Verbrauchers sind notwendig.

Eine gute Möglichkeit für beide Parteien zum Schutz und zur Überprüfung der Angebote sind Tests in der boomenden Pressewelt der Wellness-Magazine, die wie in jedem undurchschaubaren Markt durch Tests Transparenz in die Angebotswelt bringt und schwarze Schafe herausstellen wird.

Competence Site:

Insbesondere das touristische Wellness-Angebot hat in den letzten Jahren einen wahren Boom erfahren. Wellness-Reisen sind in den Programmen fast aller Veranstalter zu finden. Wie können sich Ihrer Ansicht nach Anbieter in diesem Bereich überhaupt noch differenzieren?

Fritz Boecker:

Die Differenzierung im Bereich Wellness bietet viele Möglichkeiten. Um nur einige zu nennen:

  • Lage auf der Landkarte (Bali wird eher mit Wellness assoziiert als Castrop-Rauxel), Asien
  • impliziert ein anderes Wellness-Verständnis als die USA oder Europa.
  • Unterbringung und Infrastruktur, Service-Level
  • Tradition und Geschichte
  • Philosophie (Ayurveda, Kneipp, Spa), oder auch Heilmethode
  • Equipment (klassisch, highTech)
  • Dienstleistungen (Schönheit, Massage, Personal Consulting, Training, Life Management)
  • Museum und Architektur

Klassische Wellness-Reisen, die Sonne, Sand und Meer versprechen sind mit dem Begriff Wellness auch nur vorrübergehend besser zu verkaufen. Wo das Angebot sich ähnelt, kann man mit dem Begriff Wellness keine Differenzierung erwarten. Gesundheitsurlaub ist allerdings ein neuer (alter) Begriff. Es ist daher wichig, daß ein Wellness-Urlaub über Gesundheits- und Wohlfühlangebote verfügt. Diese sind am einen Ende der Skala Day-Spas, in denen man sich verwöhnen lassen kann und am anderen Ende ein ganzer Ort, Kurbad mit Tradition, Heilmethode, Ärzten und Kliniken und Hotels, die neben einem reichhaltigen kulturellen Angebot stehen.

Auch kulturelle Angebote sind Aspekte der Wellness, runden sie doch den Wellnessbereich ab. Geschichte, Konzerte, Architektur und Kunst sind Elemente eines Wellness-Tourismus, die letztlich der Einheit von Körper, Geist und Seele dienen. Aus diesem Grund stellt die Europäische Kurtradition eine exzellente Möglichkeit dar, sich nach oben abzuheben.

Somit sind die Differenzierungsmöglichkeiten nahezu grenzenlos. Es kommt auf das Konzept an, wie man diese Elemente zu einem Wellness-Angebot verknüpft.

Competence Site:

Seit einigen Jahren versuchen Verbände, Hotelkooperationen oder Reiseveranstalter durch Qualitäts- bzw. Gütesiegel dem „Wellness-Reisenden“ eine Orientierungshilfe zu geben. Bereits 1997 hat beispielsweise der Verbund Wellness-Hotels Deutschland® den „Wellnessbaum“ als Zeichen für gesicherte Qualität eingeführt. Es folgten weitere Siegel, beispielsweise des Deutschen Wellness Verbandes, des Deutschen Heilbäderverbandes („Wellness im Kurort“), der LGA („LGA Premium Service Wellness“) etc. br> Garantieren diese Gütesiegel Ihrer Meinung nach dem Verbraucher ein qualitativ gutes Angebot? Erfolgt die Gütesiegel-Vergabe hierbei neutral und unabhängig? Wie beurteilen Sie persönlich diese Qualitäts- und Gütesiegel?

Fritz Boecker:

Die Qualität im Wellness-Bereich besteht aus Qualitätsmanagement und Innovation.

Gütesiegel sind letztendlich Marken. Genau wie Marken helfen Gütesiegel allerdings nur, wenn sie bekannt sind. Die Inflationierung von sich ähnelnden Gütesiegeln stellt hier ein Problem dar, wenn sie nicht bekannt sind.

Inhaltlich sind Gütesiegel jedoch wichtig, drücken sie doch aus, dass in der Regel eine Qualitätskontrolle des Angebots stattfindet.

Wichtig für den Betrieb von Wellness-Tourismus-Angeboten ist darüber hinaus ein Qualitätssicherungssytem, das sicherstellt, daß Angebot und Realisierung übereinstimmen. In einem Qualitätssicherungssystem ist auch das Kundenfeedback ein wichtiger Aspekt. Qualitätssicherungssysteme helfen gerade im Dienstleistungsbereich, veränderte Geschmäcker und Bedürfnisse frühzeitig festzustellen und das Angebot ständig zu erneuern und anzupassen. Gerade im Wellnessbereich ist die ständige Erneuerung von Teilen des Angebots ein wesentlicher Aspekt.

Ein Kurort wie Bad Wörishofen braucht kein Gütesiegel. Er steht unter dem Markennamen Kneipp. Kneipp bürgt für Qualität, Kneipp ist glaubwürdig, ehrlich und bietet tradierte Werte. In einem solchen Bereich ist das Gütesiegel weniger wichtig, sondern die Innovation.

Obwohl Kneipp moderne Werte bietet, ist das Angebot der Kneipp-Dienstleistungen in Bad Wörishofen veraltet. Es entwickelte sich in einer Zeit der krankenkassen-finanzierten Kur, wo man als Kur-Konsument hinging, um einen kostenlosen Gesundheitsurlaub zu machen. Heute liegt die Meßlatte höher. Bad Wörishofen muß sein Angebot modernisieren, muß Jung und Alt anziehen, um langfristig überleben zu können.

Gütesiegel allein garantieren somit nicht automatisch ein qualitativ hohes Angebot. Gütesiegel stellen lediglich sicher, daß die gelieferte Leistung mit dem Angebot übereinstimmt. Ein Gütesiegel sagt nichts über Attraktivität und Emotionalität. Es macht das Angebot zuverlässiger und sollte in heutiger Zeit so selbstverständlich sein wie ein Qualitätssicherungssystem.

Auch Gütesiegel müssen verkauft werden und stehen im Wettbewerb miteinander. Genau wie bei Marken ist ein großer Bekanntheitsgrad die wirtschaftliche Voraussetzung für Neutralität und Unabhängigkeit. Dieser ist derzeit bei keinem Gütesiegel gegeben.

Solange die Gütesiegel keine Wertkategorien bilden wie z.B. die Sterne-Kategorien bei Hotelangeboten, ist die Aussagekraft von Güte-Siegeln in Frage zu stellen.

Competence Site:

Nicht erst durch die EU-Osterweiterung erfahren die traditionellen Kur- und Heilbäder Osteuropas eine wahre Renaissance. Waren Tschechien, Ungarn und Bulgarien vor einigen Jahren noch überwiegend als günstige Reiseziele für den deutschen Pauschalurlauber und Rentner in aller Munde, so präsentieren sich die berühmten Kurorte von einst in neuem Glanz. Karlsbad oder das mit seinen vierzig Quellen weltbekannte Marienbad in Tschechien, die Orte der Thermalwasserquellen in Ungarn oder Bulgarien sind längst kein Geheimtipp mehr für den Wellness-Urlauber. Wie ist das Angebot der osteuropäischen Nachbarländer qualitativ zu beurteilen? Welche Auswirkungen hat Ihrer Meinung nach der Trend von osteuropäischen Wellness-Angeboten auf den Markt der Wellness-Reisen?

Fritz Boecker:

Die Naturheilkunde ist das Fundament zur Wellness. Aus Naturheilkunde wird „nature life-style“. Erlebniswelten erzeugen Gefühle und vereinfachen. Das hilft, gesund zu bleiben.

Besonders attraktiv sind daher solche Angebote aus dem Osten, die sich an der Tradition großer Heilbäder orientieren. Heilbäder sind Orte mit Infrastruktur, Tradition und Geschichte. Die Heilmethoden sind naturheilkundlichen Ursprungs, das ist glaubwürdig, ehrlich und fundiert. Heilbäder sind somit Wellness-Kompetenz-Center, denn sie haben oft jahrhunderte alte Erfahrung mit Wellness, auch wenn der Begriff so nie auftauchte.

Die Wiederbelebung osteuropäischer Heilbäder vergrößert das Angebot.

Wie ist das Angebot der osteuropäischen Nachbarländer qualitativ zu beurteilen ?

Die Traditionskurorte im Osten spielen im Wellness-Angebot zunehmend eine ähnliche Rolle wie im Westen. Sie bereichern das in Europa bestehende Angebot von Heilbädern. Mit fortschreitenden Investitionen, besonders im Bereich der großen alten Kurorte wird sich das Wellness-Angebot dem des Westens zunehmend angleichen. Dabei werden die Anbietern im Osten sehr konkurrenzfähig sein, da sie Tradition auf niedrigem Lohnniveau verkaufen können.

Auf Grund der niedrigen Löhne eignet sich der Osten aber auch für eine neue Art von Wellness-Angeboten. Bösartige Zungen sprechen bereits von Discount-Wellness. Das Angebot ist von der Infrastruktur einfacher gestaltet, da sie zum Teil auf die Tradition der Arbeitererholungsstätten zurückgeht, die in den ehemaligen kommunistischen Ländern einen hohen Stellenwert hatten. Die Dienstleistungen sind dennoch qualitativ hochstehend. So werden Massagen von erfahrenen Therapeuten in weniger bekannten Wellness-Zentren zu Preisen angeboten, die durchaus den Begriff Discount-Leistungen verdienen.

So sind in in solchen Einrichtungen hochwertige Ganzkörper-Massagen zum offiziellen Preis von unter 10 € pro Stunde zu erhalten. Andere Angebote im Discount ‑ Gesundheitsmarkt sind in der Presse mehrfach dargestellt worden.

Welche Auswirkungen hat Ihrer Meinung nach der Trend von osteuropäischen Wellness-Angeboten auf dem Markt der Wellness-Reisen ?

Discount Wellness spricht einen neuen Kundenkreis an und erschließt einen neuen Markt, den es bisher nicht gegeben hat: die Kur für den einfachen Mann. So gibt es an der Grenze zwischen Polen, der Tschechai und Deutschland ehemalige Arbeitererholungsstätten, die sich mittlerweile zu Discount-Kurorten entwickelt haben und auch dem weniger Betuchten einen Wellness-Urlaub von guter Qualität mit hochwertigen therapeutischen Dienstleistungen bieten.

Die Wachstumschancen in diesem Low-Price-Wellness-Markt sind als groß einzuschätzen und stellen für den Osten eine einzigartige Chance dar, sich gegenüber dem Westen zu profilieren. Er bedient eine neue Zielgruppe, wird jedoch auch den traditionellen Kurgänger ansprechen, der nicht ohne weiteres bereit ist, eine Kur ohne Krankenkassenerstattung zu besuchen.

Insofern findet ein Transfer von Wellness-Dienstleistungen in den Osten statt.

Competence Site:

Wie sehen Sie vor dem Hintergrund dieser aktuellen Entwicklungen die Zukunft des Wellness? Welche Segmente bzw. Teilmärkte werden Ihrer Meinung nach zukünftig erfolgreich, welche weniger erfolgreich sein? Was erwarten Sie von einem Competence-Bereich „Gesundheit & Wellness“ auf der Competence Site?

Fritz Boecker:

Wie sehen Sie vor dem Hintergrund dieser aktuellen Entwicklungen die Zukunft der Wellness ?

Ob der Begriff „Wellness“ in dieser Form überleben wird, lässt sich derzeit nicht sagen. Der inflationäre Gebrauch verdirbt den Begriff. Das Wellness-Bedürfnis, das hinter dem Begriff steht, ist jedoch in starkem Wachstum begriffen.

Die immer komplexer werdende Welt sucht nach Inseln, in die sich der Einzelne zurückziehen kann, um seine „psychosoziale Fitness“ zu erhöhen. Es bleibt dem Einzelnen überlassen, wie er diese neue Fitness definiert und befriedigt: rein körperliche Fitness, Schönheit und Entspannung oder aktive, präventive Arbeit an einer Gesundheit, die ihn länger leben lässt.

Genauso groß wie diese Spanne ist auch der Wellness-Markt, wie immer er in Zukunft heißen wird. Produkte und Dienstleistungen, die einfach gut tun, Training und Coaching, um Veränderungen zu gestalten und zu erleben, Heilmethoden auf der Basis der Naturheilkunde oder der Schulmedizin, das Spektrum für Wellness ist vielfältig gestaltbar im immer größer werdenden Gesundheitsmarkt für Selbstzahler. Ich sage der Idee „Wellness“ eine große Zukunft voraus.

Welche Segmente bzw. Teilmärkte werden Ihrer Meinung nach zukünftig erfolgreich, welche weniger erfolgreich sein ?

Diejenigen Segmente werden stark sein, die das emotionale Erleben mit einer gesundheitlichen Note verbinden. Menschen wollen lernen und unterhalten sein. So ist der Fokus auf Krankheit für den Gesunden langweilig. Die Gesunden stellen jedoch die Mehrheit der Wellness-Konsumenten. In Zukunft werden die Segmente erfolgreich sein, die sich auf das emotionale Erleben von Gesundheit konzentrieren. Das ist die sogenannte Experience Economy: Business als Bühne. Der Arzt oder Dienstleister als Regisseur. Ein Kurort ist letztlich eine Inszenierung von Gesundheit und Wohlbefinden. Der Therapeut muß aufhören, ausschließlich zu therapieren. Er muß sich als Consultant und Coach, als Trainer und Motivator verstehen, um Tranformationen bei seinen Kunden erlebbar zu machen. Unter Umständen muß er als Regisseur und Darsteller agieren. Ein guter Darsteller lügt nicht, er überzeugt. Und Überzeugung ist auch für das gesundheitliche Denken und Handeln wesentlich. Die Gewinner werden eine Welt nachhaltigen Wohlbefindens inszenieren.

Solche erlebnisorientierte Dienstleistungswelten werden zu den erfolgreichen Segmenten gehören.

Das Körper-Feeling darf nicht fehlen. Deswegen entstehen SPAs in schöner, oft klassizistischer Umgebung, um dem Körperkult zu dienen. Wellness braucht Körperlichkeit. Man braucht Körperlichkeit zum Fühlen. Wir fühlen, also sind wir, sagt Damasio, der Decartes und damit die Ratio vom Thron wirft.

Architektur und Design sind wichtige Aspekte der Wellness. Museen sind verpackte Geschichte und geordnetes Gedächtnis. Auch das sind wichtige Aspekte der Wellness. Es gibt Fitneß-Center mit Leseregionen.

Man muß die Welt einfacher machen, um Glück zu verkaufen. Deswegen brauchen wir Coaches für Wellness-Lösungen in allen Lebenslagen:

  • Ernährung und Bewegung
  • Fitneß
  • Flirten
  • Beziehungen

Die Heilslehren der Gurus der Vergangenheit werden von einer Vielzahl von Coaching-Dienstleistern ins Machbare übersetzt. Dem Personal Coaching wird eine große Zukunft vorausgesagt.

Nicht erfolgreich werden veraltete, angestaubte Segmente sein wie z.B. mancher deutscher Kurort, der unter dem Budget-Denken der Krankenkassen versäumt hat, sein Angebot auf die Selbstzahler anzupassen und dem Kunden vorschreibt, was er zu tun hat. Solche Segmente sind veraltet und werden schlicht aussterben.

Was erwarten Sie von einem Competence-Bereich „Gesundheit und Wellness“ auf der Competence Site ?

Competence verkauft Dienstleistungen, Dienstleistungen verkaufen Produkte. In dieser Hinsicht erwartet man von einer Competence-Site, das sie ein vielfältiges Forum für Aspekte der Wellness darstellt. Der Business-orientierte sucht Inhalte, der Konsumorientierte sucht Angebote. Die Competence-Site sollte ein Navigator für die Wellness-Szene sein.

IKonkret erwartet man von einem Competence-Bereich „Gesundheit und Wellness“ folgende Aspekte:

  • Konkretisierung der Begriffe Gesundheit und Wellness
  • Darstellung von Trendanalysen, wie sich der Begriff entwickelt hat und entwickeln wird (gleitende Historie)
  • Aufzeigen von Bedürfnisstrukturen
  • Übersichtliche Darstellung der relevanten Wellness-Themen zwischen Heilen, Prävention und Hedonismus)
  • Übersicht von Angeboten
  • Beurteilung und Tests von Angeboten
  • Fokussierung auf den Dienstleistungaspekt der Wellness.

Wellness-Produkte sind entsprechend dem Prinzip: Kompetenz verkauft Dienstleistungen verkaufen Produkte zu begründen.

Vielen Dank für das Interview!

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