Frans van der Reep

Finanzen 2.0
Superstrukturen oder zurueck zum Bewaehrten ?

Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind- A. Einstein

„Alle Informationen, die es heute gibt, egal aus welchen Quellen, sind digitalisierbar, messbar, transportierbar und endlos kopierbar“. Das ist die Realität der digitalen Webwelt. Zur Zeit werden wir mit den Konsequenzen dieser Realität für den Finanzsektor überrumpelt.

Nicht nur Unternehmen sondern auch Banken und Versicherungsgesellschaften passen sich an die neuen Technologien an und suchen mit Hilfe der digitalen Technologie nach neuen Möglichkeiten, Geld zu verdienen. Sie probieren,  Ihre Geschäftsmodelle neu zu definieren und passen die Strategie und Unternehmenseinrichtung  daran an. Bei Staatsstrukturen sehen wir ähnliche Entwicklungen. Schrittweise werden die Web-Möglichkeiten in die staatlichen Strukturen implementiert. Die digitale Welt durchdringt den Staat, Justiz, Polizei usw.

Finanzen 2.0…Hier finden Sie einige Gedanken zur Inspiration. Es ist sehr viel darüber geschrieben. Dass der kurzfristige Fokus auf Kursgewinne für die Aktionäre und Sparer (!) mit dem daran gekuppelten Bonussystem nicht immer zu gewünschten Resultaten führt, ist in der Zwischenzeit konventionelle Weisheit geworden. Darum biete ich Ihnen eine andere Perspektive an.

Kein Fixpunkt mehr

Die Frage, die ich hier stelle, ist, ob ein individueller Aktionär in dieser marktgetriebenen digitalen Welt als  Zauberlehrling handeln könnte.  Er könnte theoretisch vom Standpunkt rationeller individueller Beschlüsse ein Makrochaos verursachen, indem er bestimmte Optionen in Bezug auf  finanzielle Entscheidungen in seinem Hauscomputer vorprogrammiert. Die individuell eingestellten Mechanismen für erfolgreiche Handlungen führen  in der Totalität  zu einem unbeherrschbaren Resultat.

Der Markt und die vollständig digitale Welt vertragen sich nicht immer und überall. Warum nicht? Jedes numerische, soziale oder philosophische  System hat einen Fixpunkt nötig. Es braucht “etwas oder  jemanden‘, der die Situation und die Zusammenhänge beaufsichtigt, dafür haftet  ist sowie die Macht hat zu agieren. Und das hat das Finanzsystem zur Zeit nicht. Im Rechtssystem ist Bundesverfassungsgericht solch ein  Fixpunkt.  Das ist jedoch ein flexibler Fixpunkt. Bundesverfassungsgericht bringt starre Normen (Gesetze, Regeln) in Einklang mit dem Zeitgeist (Prinzipien). Das ist der Fixpunkt im System. In multilateralen staatlichen Beziehungen ist das wahrscheinlich eine Atombombe und traditionelle geopolitische Konstante. In der Zeit der UdSSR war das zum Beispiel das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei.

Wie ein fallendes Blatt eine Katastrophe wie Katrina verursachen kann, so könnte ein individueller Anleger im Web einen finanziellen Hurrikan auslösen. Das System verfügt nämlich nicht über würdige Abwehrmethoden , und alle heutigen Aufsichtsformen führen nicht zu gewünschten Resultaten.

Selbstverständlich spielen Emotionen dabei eine wichtige Rolle: sowohl in Panik als auch in der Euphorie.  Die Emotionen bestimmen unsere Entscheidungen, ausgerechnet wenn es keinen Fixpunkt gibt. Was passiert, wenn die Bank verweigert einem Kind zwei Pence zurückzugeben, sehen wir in Mary Poppins. Früher war Gold  ein Fixpunkt. Dann der Dollar. Der Dollar was ein Fixpunkt, war er konvertierbar war, und sowohl die Niederländische Bank als auch die Finnische  darin Vertrauen hatten. Und jetzt? Vertrauen? Der fehlende Fixpunkt macht das System im Prinzip instabil.  Der Fixpunkt muss also in Kürze geschaffen werden.

 

Gelernt von der Luftfahrtindustrie und den Kernreaktoren

Ich denke, dass jetzt, im Jahre 20 nW (das Web ist inzwischen 20 Jahre alt) solche Konstruktionsfehler ins Tageslicht kommen, womit wir früher total keine Probleme hatten, weil vW etwas ruhiger und weniger voluminös verlief.

Was wir von der Luftfahrtindustrie  gelernt haben ist: Software kontrolliert und der Mensch steuert. Der Mensch behält  also das letzte Wort. Wenn man dieses Prinzip umdreht, kann es zu einer wahren Explosion der Katastrophen kommen, weil es einfach unmöglich ist, alle Vorgänge im Software zu berücksichtigen. Das ist ein instabiles System, das meistens gut, aber auch regelmäßig falsch funktioniert. Die Regeln, die unter normalen Umständen gut funktionieren, können in extremen Situationen zu Ihrem Feind werden. So entstehen die Effekte des Zauberlehrlings.

Ich sehe, dass die finanzielle Welt das Steuer aus der Hand gegeben hat, indem sie regelgetriebene Softwarepakete eingesetzt hat: der Computer hat das letzte Wort. Wer den schlauesten Algorithmus hat, gewinnt. Regeln kann man viel einfacher als Menschen programmieren. Damit ist in Wirklichkeit niemand für das Endergebnis verantwortlich. Hast Du dich an die Regeln gehalten? In einer formellen Situation haben die Menschen die Neigung, die gültigen Regeln und Protokolle einzuhalten.

Das alles lässt sich sehr gut erklären, wenn man berücksichtigt, dass die Aktionäre innerhalb kurzer Zeit auf Basis von zahlreichen Informationen Entscheidungen treffen müssen. Und das ist nach Kierkegaard der Weg ins Unmenschliche.

Wenn wir das  Stabilitätsproblem im finanziellen Sektor als Problem der Kontrolle über unbeaufsichtigte Prozesse- also Prozesse, die ohne menschliche Interaktion ausgeführt werden- können wir am besten bei den Kernzentralen nachschauen. Kleine Teilchen, die auf Basis von eigenen Mikrogesetzen doch eine Makrokatastrophe verursachen können.

Kernzentralen haben grundsätzlich  drei unabhängige Rechensysteme im Betrieb. Zwei Systeme bewachen die Messwerte und melden diese unabhängig  voneinander dem dritten System. Bei unterschiedlichen Werten zwischen den beiden Systemen greift das dritte System ein.

 

Zwei Lösungsszenarien

Ich denke, dass in dieser Situation zwei mögliche Szenarien denkbar wären: entweder eine globale Superstruktur mit einer globalen finanziellen Infrastruktur, wo Banken  zurecht könnten. Oder die Rückkehr zur Banksituation, in der natürliche Personen für die Regelung der Geldströme verantwortlich waren.  Genau wie früher: klein, übersichtlich und  im Einflussbereich. Alle übrigen Zwischenlösungen sind nicht lebensfähig, denke ich.

Ich möchte mit der Beschreibung eines globalen Szenariums  als Fixpunkt-Lösung beginnen. Vergleichbar mit dem Kontrollsystem in den Kernzentralen und ihren drei hierarchisch eingeschalteten Computern wie oben beschrieben.

Nach diesem Beispiel könnten verschiedene Börsencomputer an einen  Hauptcomputer  angeschlossen werden. Dieser könnte z.B. beim IWF sein. Wenn der Hauptcomputer eine instabile Situation feststellt, greift er ein, selbstverständlich nach Genehmigung des IWFs. Auf diese Weise werden Druck und Gegendruck  kreiert, was eine Organisationsfrage ist und kein Teil des Systems selbst. Dadurch ist die Aufsicht in diesen turbulenten Zeiten zu Niederlage verurteilt.  Aufsicht ist grundsätzlich reaktiv, sie beaufsichtigt und ist dadurch immer zu spät. Eine Eigenschaft der vom  Zauberlehrling eingesetzten Kräfte ist, dass sie nicht zurückkehren. Das fordert ein antizipierendes Prinzip.  Es müssen  Signale vor Aufbruch einer eventuellen Eskalation gesendet werden, worauf agiert werden kann.

Wer hätte eine kreative Lösung? Wenn wir die beschriebene Superstruktur als Lösung wählen, kann der Börsenhandel marktgetrieben werden, die finanzielle Struktur muss aber samt allen Kontrollmechanismen unter die  Leitung vom IWF untergebracht werden.   Der IWF wäre also auf diese Weise „ein unfehlbarer Fixpunkt“. Das wäre der einzige Weg – sowohl praktisch als auch theoretisch-zu einem fehlerfrei funktionierenden System nach diesem Szenarium. Die finanzielle Infrastruktur muss eine öffentliche Angelegenheit sein.  Es ist wichtig, die dem Markt zu überlassen.

 

Die zweite Lösung-zurück zum Bewährten

Die heutige finanzielle Welt ist auf der Suche nach Verbindung zwischen Investition und Bestimmung.  Mit  zurück zum Bewährten – zur vertrauten Sparbank- meine ich keinesfalls  die Rückkehr der Vergangenheit sondern die Suche nach Zusammenarbeitsformen, worin diese Einheit hergestellt wird. Wir brauchen Systeme und Konstruktionen, worin Menschen persönlich haften. Bei Kleinunternehmen ist diese Verbindung anwesend. Die Entscheidungs- und Zahlungsprinzipien sowie Genuss sind zentralisiert. Das könnte übrigens auch  bei größeren Unternehmen gebraucht werden, wobei Menschen haftbar werden und auf die Taten und Konsequenzen angesprochen werden können.

 

Ende der Rechtsperson nahe ?

In einer anonymen  Rechtsform wie z.B. einer AG ist streng genommen niemand haftbar. Rechtspersonen sind eigentlich ein Trick, um keine persönliche Haftung für eigenes Handeln  tragen zu brauchen. Verstehen Sie, dass Großunternehmen  ein organisiertes psychopatisches Verhalten zeigen? Sehen Sie sich bitte dazu den Dokumentarfilm „The Corporate“ an. Unternehmen haben keine Gefühle, können keine Beziehungen eingehen und machen andere für eigenes Versagen haftbar. Meiner Meinung nach ist  jetzt in der Krise das Thema, dass auf den finanziellen Märkten ebenfalls keine Haftung übernommen wird. Einer der Gründe dafür ist die Rechtsperson. Gesunde und erwachsene Menschen übernehmen Haftung für eigene Taten. Wenn wir z.B.  Rechtspersonen abschaffen würden, würden wir sicher, was Haftungsbewusstsein  betrifft, Punkte gewinnen.

 

Kein Wachstum ohne Wurzeln

In meinen früheren Beiträgen aus 2005/2006 prophezeite ich das Ableben der Banken und Finanzinstitute. Ist in der Zwischenzeit in vieler Hinsicht  tatsächlich passiert, aber erstens früher und zweitens dramatischer, als ich je hätte denken können. Die im Artikel beschriebene Bewegung, die Entwicklung des  Bankenmarktes für Kredite, „Moneyskype“ ist eigentlich ein Szenarium in Richtung persönlicher Haftung,  sowie Bewegung: zurück zur eigenen Basis.

Ein  Makeover der Finanzbranche würde in erster Linie hohes Interesse für Normen und Werte der Betroffenen ins Leben rufen. Es gibt kein Wachstum ohne Wurzeln. Was sind unsere Werte als Aktionäre und Bank?

Wenn Sie zum Beispiel heute in den Ruhestand gehen, wobei  Ihre zukünftige Rente in  Aktien investiert worden ist… Dann begreifen Sie doch gleich, dass solche wichtigen Sachen auf gar keinen Fall einem anonymen Markt überlassen werden können, der eigenes Versagen auf den Staat abwimmelt.

Wir haben jetzt die Möglichkeit, um diesen Systemfehler zu korrigieren, weil die Bankarroganz zur Zeit etwas gesunken ist. Lassen wir davon Gebrauch machen.

Ich denke, dass unsere Wahlmöglichkeiten in diesem Fall begrenzt sind. Entweder eine globale Kontrolle mit der Hoffnung auf weise  Führungskräfte  sowie eine schnelle Einbeziehung der  finanzielle Infrastruktur  vom Staat. Oder zurück zum alten Bewährten? Ich hoffe, dass individuelle Kompetenzen sowie die Ehrlichkeit und Integrität, womit jemand eigenes Investitionsverhalten analysiert und darüber kommuniziert,  entscheidend werden. Authentizität der Bank,  Bank als ein geistiger gesellschaftlicher Anker und die Glaubwürdigkeit sind für mich ausschlaggebend. Wie z.B. die Sparkasse in Deutschland (!) oder früher Postbank in den Niederlanden. Von diesen Beispielen hätten wir eigentlich mehr nötig!

Ich hoffe, dass Prinzipien   und nicht die Regeln gewinnen werden. Regeln führen in äußersten Fällen oft ins Unmenschliche.

Nicht alle Fragen diesbezüglich sind in diesem Artikel gestellt und beantwortet. Im Spannungsfeld zwischen der Rationalität auf dem Mikro- und Makroniveau bin ich mir einiger Sachen sehr sicher. Wie sich das genau entwickelt wird, weiß ich jedoch nicht. Darüber müssten viel schlauere  Menschen nachdenken. Mein Ziel war es, um einige Gefühle und Ansichten mit Ihnen zu teilen.

Als mögliche  Aktionen würde ich vorschlagen, dass Mathematiker, Politiker sowie Experte auf dem Gebiet der Systemtheorie sich darüber Gedanken machen würden. Ich  kann mir vorstellen, dass Antwort u.a. auch von dieser Seite kommen könnte. Numerische Simulationen, zum Beispiel, wissen Sie? Ich weiß nicht, ob bei der Niederländischen Bank oder dem IWF schon damit gearbeitet wird. Wenn nicht, könnten Sie eine Idee in Betracht ziehen, um mit den  Entwerfern der Kernzentralen zu sprechen. Sie begreifen es wenigstens. Wussten sie z.B. dass ca. 70 % der Innovationen  in der Branche  aus einer anderen Branche kommt. Das würde bedeuten, dass Gespräche mit ausschließlich Branchenkollegen uns nicht weiter bringen und einen blinden Fleck kreieren würden. Nicht tun! Ein guter Moment für die Banker, um bei den Nachbarn zu schauen.

Ich gehe mit Ihnen gern ein Gespräch darüber ein. Machen Sie mit?

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Orginal Artikel (2008, 2009):

Finance 2.0, Superstructures or Back to Cooperative Public Services?, Managementsite, 4 juni 2009

Crisis! Superstructuren of terug naar de Nuts?