Zum Umgang mit dem Fachkräftemangel. Von Karsten Sander.
In Berlin haben sie einen Turm gebaut. Einem Yenga-Spiel ähnlich stapelten Ende Mai Mitarbeiter der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) vor dem Bundesarbeitsministerium riesige Bauklötze übereinander. Ein Turm – ein Vollbeschäftigungsturm – als Mahnmal für unbesetzte Stellen in den Betrieben zwischen Flensburg und Garmisch. Erstmals seit 20 Jahren ist die Zahl der Arbeitslosen in einem Mai unter die Drei-Millionen- Grenze gerutscht. Es mag eine sehr deutsche Sichtweise sein, der berechtigten Freude über das sich abzeichnende Ende der jahrzehntelangen strukturellen Massenarbeitslosigkeit alsbald mit mahnendem Pathos zu begegnen. Sie wird wieder offen zur Schau gestellt, die Angst vor dem Fachkräftemangel, die Angst vor Auftragsverlust durch Fachkräftemangel, die Angst vor Investitionsrückgang durch Auftragsverluste, die Angst vor der Depression durch Investitionsrückgänge. INSM-Geschäftsführer Hubertus Pellengahr war sich am Fuße des mahnenden Turms jedenfalls sicher: „Der Fachkräftemangel ist entgegen der weit verbreiteten Ansicht kein Indiz für eine gesunde Erholung am Arbeitsmarkt. Im Gegenteil: Er wird immer mehr zu einer Gefahr.“ Für die Unternehmen beginnt also das Rennen um die besten Köpfe. Doch es gibt genügend Möglichkeiten, sich dem Konkurrenzkampf zu stellen und ihn für sich zu entscheiden.
Weiterbildung ist der Klassiker schlechthin und gerade im Boomjahr 2011 ungemein aktuell. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag hat im Rahmen seiner Firmenbefragung „Weiterbildung 2011“ Antworten von über 14.000 Unternehmen erhalten. 38 Prozent der Betriebe wollen ihr Engagement in diesem Bereich ausbauen. 13 Prozent mehr als im vergangenen Jahr. 2009 wollte dies gerade mal jedes zwölfte Unternehmen. Weiterbildung wird laut Studie als beste Möglichkeit angesehen, um die eigene Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. 59 Prozent schätzen, personelle Lücken durch fortgebildetes, eigenes Personal schließen zu können. Jeder Dritte will ausbilden. Damit die Investitionen in Weiterbildung auch zielführend eingesetzt werden, sind gerade in Großbetrieben Instrumente zum Bildungscontrolling installiert worden. Dass eine zielgerichtete Personalentwicklung aber auch für KMU lohnend sein kann, zeigen Daniela Neuhaus und Wolfgang Habermann mit ihrem Buch „Weiterbildung im Mittelstand“, das im August erscheinen wird. Das Autorenduo hat Kalkulationsschemata aufgestellt, anhand derer sich Kosten und Erträge gegenrechnen lassen. „Vage Nutzenbegriffe nützen einem Kleinunternehmer nichts“, sagt Wolfgang Habermann. „Sieht der Geschäftsführer, dass sich Weiterbildungsmaßnahmen in drei bis fünf Monaten rentieren, dann ist er hingegen überzeugt.“
Allen Beteuerungen zum Trotz sind große Fachkräfte-Potentiale im eigenen Land noch ungenutzt. Dass Mitarbeiter jenseits der 50 nicht per se zum alten Eisen gehören, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Ob sich die Unternehmen weiteren Potentialgruppen öffnen werden, bleibt abzuwarten. Die Europäische Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft hat jüngst eine Arbeit vorgelegt, die aufzeigt, wie die Kompetenzen hochqualifizierter Frauen besser genutzt werden können. Die Empfehlungen der „Schlüsselfaktor F&E“ betitelten Studie reichen von zeitnah umzusetzenden Maßnahmen, wie der Entgeltgleichheit von Frauen und Männern, hin zu mittelund langfristigen Strategien. So gilt es, den Elternzeitprozess zu gestalten, flexible Karrierewege und Arbeitsmodelle zu entwickeln oder die Unternehmenskultur für Frauen öffnen. „Der weibliche Nachwuchs ist da – und hochmotiviert“, heißt es in der Studie. Gleiches lässt sich einer Veröffentlichung des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) und der Arbeitsgemeinschaft Berufsbildungsforschungsnetz (AG BFN) nach über Jugendliche mit Migrationshintergrund sagen. Diese seien, so die Kernaussage des Buches „Migration als Chance“, bei gleichen Ausgangsbedingungen in der Ausbildung genauso erfolgreich wie Jugendliche ohne ausländische Wurzeln. Zu den Startbedingungen gehören beispielsweise der soziale Hintergrund, der Schulabschluss und die Ausbildungsbedingungen.
Die oft zitierte Gläserne Decke – es gibt sie auch abseits von Geschlechterrollen. In vielen Unternehmen fehlen der Karriereleiter von Ingenieuren ab einer gewissen Höhe die Sprossen. So verwundert es nicht, wenn sich hochqualifizierte und hochmotivierte Spezialisten die Arbeitgeber suchen, die ihnen höchstes Emporkommen anbieten können. Für Unternehmen ergibt sich allerdings die Schwierigkeit, dass der fachlichen Eignung mitunter starke Defizite bei der Mitarbeiterführung entgegenstehen. Wie diese Diskrepanz gelöst werden kann, zeigt beispielsweise das in diesem Jahr veröffentlichte Buch „Fachlaufbahnen“ der Herausgeber Désirée H. Ladwig und Michael E. Domsch, das mit konkreten Handlungsansätzen und aktuellen Best Practice-Beispielen aufwartet.
Allein fühlt man sich meist verlassen. Funktionierende Netzwerke stärken hingegen die Marktposition des Unternehmens. Ein gutes Beispiel findet sich in Paderborn. Hier ist das Industrieunternehmen Benteler ein Teil des Projektes Schule und Betrieb am Samstag (SchuBs), das von der Initiative Innozent OWL koordiniert wird. „SchuBs reagiert auf den Mangel an jungen Facharbeiter und Technikern“, sagt Innozent-Geschäftsführer Andreas Keil. Haupt-, Real- und Gesamtschüler werden in den Benteler-Ausbildungsstätten in Grundlagen des späteren Arbeitslebens eingewiesen. Vorteil für das Unternehmen: Da dieses Programm freiwillig ist, lernen dessen Personaler schon früher als andere motivierte Nachwuchskräfte kennen. Die guten Erfahrungen des 2007 gestarteten Projekts konnte Innozent-Mann Keil Ende Juni auf der Fachtagung „Durch Vernetzung Fachkräfte sichern“ in Berlin vorstellen.
Den vollständigen Artikel sowie ein Ranking zur Arbeitskräftesituation im regionalen Vergleich ist im Download unter "Artikel: Den Wettbewerb annehmen" abrufbar
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