Wenn vom 16. bis 19. November in Düsseldorf wieder die weltgrößte Medizinmesse mit Kongress, die MEDICA 2011, an den Start geht, dann wird sich erneut bestätigen, warum sie insbesondere auch für den Bereich der medizinischen IT eine international führende Marktplattform darstellt. Von den gut 4.500 Ausstellern werden mehr als 400 neue IT-Lösungen für den Einsatz in der ambulanten und stationären Versorgung thematisieren, schwerpunktmäßig in Halle 15. Ihnen ist ein starkes Interesse seitens der Besucher sicher. 40.000 Fachbesucher (von insgesamt 137.200) der letzten MEDICA interessierten sich speziell für diesen Bereich.
Neben IT-Applikationen für Kliniken, Medizinische Versorgungszentren und Arztpraxen bildet die Telemedizin traditionell einen Schwerpunkt der MEDICA im Bereich der medizinischen Informations- und Kommunikationstechnologien. Die Entwicklung der Telemedizin verspricht derzeit viel Spannung. Über das so genannte Selektivvertragsgeschäft, also das direkte Geschäft mit bestimmten Leistungserbringern, nehmen sich die lange diesbezüglich eher verhalten agierenden Krankenkassen telemedizinischen Versorgungsmodellen verstärkt an.So finden sich telemedizinische Anwendungen mittlerweile in allen Phasen der Versorgung – von der Prävention über die Diagnose bis hin zur Therapie. Anzuführen sind sowohl Arzt-Patient-Anwendungen, z. B. Telekardiologie oder Telediabetologie, sowie Anwendungen für die kooperative Arbeitssteilung von Ärzten.
Gelungene Beispiele für telemedizinische Anwendungen und ihr Potenzial zur Straffung von Abläufen und hinsichtlich möglicher Kostensenkungen sind zahlreich zu finden. Dafür steht exemplarisch der Arbeitstag der Radiologin Dr. Katja Spornitz. Er beginnt nicht im Krankenhaus. Er beginnt am heimischen Arbeitsplatz in der Nähe von Koblenz mit der Sichtung von Faxen. So bekommt sie die wichtigsten Informationen zu den Patienten, die an diesem Tag untersucht werden sollen. Auf ihnen wird sie auch ihre Anweisungen notieren und diese an das Krankenhaus in Bad Säckingen schicken. Dort betreut sie als Fachärztin die Computertomografie aus der Ferne. Sie gehört zu jenen Teleradiologinnen und Teleradiologen, die in der „Reif & Möller diagnostic-network AG“ zusammenarbeiten. Mehr als 50 deutsche Krankenhäuser werden hier von Teleradiologen fernbetreut.
Viele technische Herausforderungen sind bereits seit längerer Zeit gelöst. Mitgründer und Radiologe Dr. Torsten Möller schildert, dass die Daten aus den beteiligten Krankenhäusern in Dillingen auf einem zentralen Server auflaufen. Von dort aus werden sie bundesweit verteilt, wobei ein Krankenhaus regelmäßig durch die immer gleichen „Befunder“ betreut wird. Etwa 40 Radiologen arbeiten in diesem Netz, unter diesen ist auch Katja Spornitz. Ihr wurde im Arbeitszimmer zuhause ein Arbeitsplatz eingerichtet. Das wirft natürlich die Frage auf, ob dadurch der Kontakt zur Klinik leide?
Dr. Hans Mosser, Vorstand des Instituts für Radiologie des Landesklinikums Krems, wies kürzlich bei einer Fachtagung auf die Kritik hin, die Teleradiologie würde den (Tele-)Radiologen vom Krankenhaus entkoppeln. Dies werde als Rückschritt und Reduktion auf bloße Befundtätigkeit in einsamen „Befundkojen“ weit abseits des klinischen Umfelds gewertet.
Bis zu acht CT werden gleichzeitig durch Teleradiologen betreut
Für Spornitz gilt aus ihrer Sicht das Gegenteil. Sie bekam Ende vergangenen Jahres ein Kind und wertet ihre Arbeit am heimischen Arbeitsplatz als eine gute Gelegenheit, mit der Arbeit im Krankenhaus in Kontakt zu bleiben. Sie arbeitet an drei Tagen von 8 bis 17 Uhr, wobei sie jeweils täglich rund vier bis acht Computertomogramme (CT) betreut. Diese Form der Arbeit wäre für Spornitz im Klinikalltag so unvorstellbar. Der Kontakt zum Patienten fehlt ihr weniger. Bereits im Krankenhaus selbst sei dieser nur in Ausnahmefällen intensiv gewesen. Zudem klappt einerseits die Technik gut. Im teleradiologischen Verbundnetz wird eine hohe Verfügbarkeit rund um die Uhr gewährleistet. Ebenso stehen Experten zur Verfügung. Andererseits ist auch die Kommunikation mit den Fachkräften im Krankenhaus gut.
Tatsächlich wurde das Netzwerk nach „DIN EN ISO 9001:2008“ zertifiziert. Der TÜV-Süd sah das Verbund-Konzept des Qualitätsmanagements, seine Ablauforganisation und wertschöpfende Prozesse als sehr weit gediehen und somit zertifizierungsfähig an.
Klarer Prozessablauf, klare Zuständigkeiten und klare Verantwortlichkeiten – das gehört auch zu den Kriterien, die Dr. Hans Mosser für die Teleradiologie klar benannt wissen will. Auch müsse der Telebefunder die aktuelle Gesamtprozessverantwortung und den Zugriff auf relevante Informationen haben. Tatsächlich sind solche Kriterien immer wieder Stein des Anstoßes bei vielen Formen der Telemedizin. Die Ärzteschaft hielt beim diesjährigen Deutschen Ärztetag fest, dass Telemedizin kein Instrument sei, ärztliche Kompetenz zu ersetzen. Telekonsile seien wichtiger Bestandteil der Telemedizin. Ein Instrument gegen den Ärztemangel sei sie dagegen nicht.
Technologie für das Land
Die Teleradiologie scheint allerdings wirtschaftlich zu sein. Netzwerk-Gründer Möller erwähnt eine Analyse, nach der ein Krankenhaus über 40.000 Euro im Jahr einsparen könnte, wenn es sich eines modernen teleradiologischen Bild- und Personalmanagements bediente. Dabei wurde von 350 teleradiologischen Befunden pro Jahr ausgegangen, also etwa einem CT pro Tag. Das Netzwerk wird von Krankenhäusern bezahlt, die sich derartige Einsparungen und gleichzeitig eine gute medizinische Versorgung erhoffen.
Viele andere telemedizinische Methoden müssen den Nachweis eines guten Nutzen-Kosten-Verhältnisses dagegen noch bringen, wollen sie von den gesetzlichen Krankenkassen finanziert werden. So werden Geschäftsmodelle, Venture Capital, Leuchtturmprojekte sowie die Effizienzbewertung von Telemedizinleistungen bei der MEDICA 2011 auch ein wichtiges Thema sein des MEDICA MEDIA FORUM. Im Fokus steht hier (in Halle 15) auch die personalisierte Medizin, die in weiten Teilen Telemedizin benötigt. Vieles wird sich erst im privat finanzierten Bereich beweisen müssen, um dann von der gesetzlichen Krankenkasse übernommen zu werden.
„ENTSCHEIDERFABRIK – LIVE VIEW“: Fokus auf IT-Vorzeigeprojekte
Am aktuellen Bedarf ausgerichtete nutzbare, nicht unbedingt nur auf die Telemedizin bezogene IT-Lösungen für die Gesundheitswirtschaft werden im Rahmen der MEDICA 2011 auch bei der „ENTSCHEIDERFABRIK“ unter dem Label „LIVE VIEW“ (ebenfalls in Halle 15) vorgestellt. Nicht Theorie, sondern bereits erprobte Praxis zum Anfassen ist hier das Hauptthema. Krankenhäuser, Industrieunternehmen und Berater stellen ihre gemeinsam erarbeiteten, innovativen und unmittelbar verwertbaren IT-Projekte für eine reibungslose Zusammenarbeit live dem Fachpublikum der MEDICA vor. Hier werden auch die Präsentationen zu sehen sein ("kleines Theater"), die am Donnerstag, 17. November 2011 im CCD Ost, 10 Uhr bis 13 Uhr, Raum M, CCD. Ost, beim parallelen Deutschen Krankenhaustag vorgestellt werden.
Dass unterdessen die Telemedizin selbst eine wichtige Rolle bei der Bewältigung der Folgen des steigenden Altersdurchschnitts spielen könnte, das sieht zum einen die Industrie so. Jochen Franke, Geschäftsführer der Philips GmbH sowie Vorsitzender des MEDICA-Beirates, erklärt beispielsweise: „Die Telemedizin weist ein signifikantes Potenzial auf Grund der demografischen Entwicklung und der damit einhergehenden Kostenexplosion im Gesundheitswesen auf.“ Sein Unternehmen arbeitet an „Homecare“-Lösungen z. B. für Patienten mit Atemwegserkrankungen, Diabetes und Demenz und hat mit „IntelliSpace“ ein multimodales Bildgebungsportal entwickelt für die schnelle, ortsungebundene Diagnostik. Damit sollen Radiologen Bilddaten von unterschiedlichsten Systemen, wie CT, MRT oder Nuklearmedizin von überall aus ansehen und gemeinsam nutzen können.
Und nicht nur die Industrie setzt auf steigende Umsätze in der Telemedizin. Auch der wissenschaftliche Dienst des Bundestages meinte kürzlich: „Anwendungen der Telemedizin vermögen entscheidende Beiträge zur Lösung der demografischen Herausforderungen zu leisten. Mit Hilfe der Telemedizin können neue Formen einer nachhaltigen Betreuung von Patienten erschlossen und ein breiterer Zugang zur medizinischen Expertise insbesondere auch in ländlichen Regionen eröffnet werden. Damit birgt die Telemedizin die Möglichkeit, sowohl die allgemeine als auch die regionale Standortqualität medizinischer Dienstleister nachhaltig zu verbessern.“ Es ist also kein Wunder, wenn der Telemedizin im kommenden Versorgungsgesetz eine wichtige Rolle bei der medizinischen Versorgung auf dem Lande zugesprochen wird. Auch dies wird Thema des MEDICA MEDIA FORUM sein. Und möglicherweise wird die Telemedizin auch helfen, einer besonderen demografischen Entwicklung innerhalb der Ärzteschaft Rechnung zu tragen. Für die Mutter und Radiologin Katja Spornitz vergrößert die Telemedizin die Chance wieder in den Klinikalltag einzusteigen, wenn für das Kind ein Krippenplatz gefunden ist. Den Anschluss an die Klinik hätte sie dann wegen ihres Engagements und mittels der Möglichkeiten der Teleradiologie gehalten.
Informationen zur MEDICA 2011, zu Ausstellern sowie die Programme der Themenparks und Foren (z. B. MEDICA MEDIA FORUM), sind online abrufbar unter: http://www.medica.de.
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