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Brand_Rating.pdfWolfgang Schiller, Dr. Roland F. Erben
DIE BEDEUTUNG DER MARKE
IM R A T I N G -P R O Z E S S
In „RATINGaktuell. Information für Unternehmen
und Finanzdienstleister.“ (Bank-Verlag Köln, November 2003)
Copyright: SCHILLER® BRAND COMPANY 2003
Vervielfältigung, Nachdruck und Veröffentlichung
– auch auszugsweise – nicht gestattet.
DIE BEDEUTUNG DER MARKE IM RATING-PROZESS
1. Bedeutung immaterieller Vermögensgegen-
stände im Rahmen des Rating
Jedes Rating ist sui generis zukunftsgerichtet. Schließlich soll
es darüber Auskunft geben, ob bzw. mit welcher Wahrschein-
lichkeit erwartet werden kann, dass der Schuldner die Zins- und
Tilgungszahlungen während der gesamten Laufzeit eines Kredits
(d. h. über 10, 20 oder gar 30 Jahre) auch tatsächlich leisten
wird. Die Erkenntnis, dass ein Urteil über die Solvenz von mor-
gen anhand der Bilanz von gestern nur sehr eingeschränkt mög-
lich ist, dürfte sich im Bereich des Ratings inzwischen als All-
gemeinwissen etabliert haben. Folgerichtig gewinnen die so
genannten „weichen“ Faktoren und immaterielle Vermögensge-
genstände im Rahmen der Rating-Entscheidung zunehmend an
Bedeutung. 1
Bei der Frage, welche der verschiedenen Rating-Faktoren und
Vermögensgegenstände in welchem Umfang in das Rating ein-
fließen sollen, richtet sich die Aufmerksamkeit derzeit primär
auf Komponenten wie Kundenstamm, Mitarbeiter-Know-how/
Humankapital, Innovationsfähigkeit, Standortvorteile u. a. m. Im
Vergleich mit diesen Assets wird dem wichtigsten Wertetreiber
des Unternehmens allerdings noch relativ wenig Beachtung ge-
schenkt: der Marke.
2. Die Marke im Rating-Prozess
Eine stärkere Berücksichtigung der Marke erscheint nicht zuletzt
deshalb als Desiderat, da durch eine markenzentrierte Unter-
nehmensstrategie gerade unter den momentanen wirtschaftli-
chen Rahmenbedingungen (steigende Wettbewerbsintensität,
Preiskampf mit Discountern sowie zunehmende, größtenteils
qualitativ hochwertige Konkurrenzprodukte aus Billiglohnlän-
dern) entscheidende Wettbewerbsvorteile realisiert werden kön-
nen.
Wie bei fast allen immateriellen Vermögenswerten taucht die
wirtschaftliche Bedeutung und das Potenzial von Marken in kei-
1 vgl. Erben, R. F.: Das Unternehmens-Controlling im Spiegel des Ratings", in:
RATINGaktuell, 2. Jg. (2003), H. 3, S. 21 sowie Stämpfli, Paul: Ratingperspektive
für kleine und mittlere Unternehmen in der Schweiz, in: Everling, Oliver (Hrsg.):
Rating - Chance für den Mittelstand nach Basel II, Wiesbaden 2001, S. 555.
DIE BEDEUTUNG DER MARKE IM RATING-PROZESS
ner Bilanz auf. Sowohl nach den Vorschriften des HGB als auch
nach IAS besteht derzeit ein explizites Aktivierungsverbot für
selbst erstellte Markenwerte. Obwohl im Zuge der IAS-
Weiterentwicklung derzeit intensiv über Möglichkeiten eines
möglichst transparenten und realistischen Bilanzausweises von
„Intangible Assets“ diskutiert wird 2, blenden viele Manager mar-
kenrelevante Aspekte bei ihren Entscheidungen noch weitestge-
hend aus. Die primäre Ursache für die systematische Unter-
schätzung der Marke ist dabei nicht selten ein falsches Marken-
verständnis.
3. Charakteristika und Bedeutung der Marke
Zuallererst ist Marke weitaus mehr als ein Produkt mit einem
Logo. Marke ist vielmehr die Idee und das Konzept, das hinter
dem Produkt steht, es charakterisiert und differenziert. Diese
Idee bleibt selbst dann bestehen, wenn sich das Produkt än-
dert. Beständigkeit ist dabei keinesfalls mit Starrheit gleichzu-
setzen, sondern garantiert vielmehr eine Kontinuität und
Selbstähnlichkeit in der Weiterentwicklung, mit deren Hilfe das
Leistungsangebot charakterisiert, strukturiert, garantiert und
stabilisiert wird. Auf diese Weise reduziert die Marke das Risiko
und die Unsicherheit für den Kunden. Bedenkt man, dass Pro-
dukte und Dienstleistungen immer ähnlicher und austauschba-
rer werden, bleibt als originärer Unternehmenswert einzig und
allein die Marke.
Als lebende Systeme, die aus unterschiedlichen Subsystemen
und Elementen bestehen, bilden Marken einen „Transmissions-
riemen“ zwischen Unternehmen und Kunden und leisten weitaus
mehr, als nur die Befriedigung unmittelbarer materieller Bedürf-
nisse. Erst die Vermittlung von Werten als Sinnangebote ermög-
licht es, sich vom Wettbewerb zu differenzieren und ein ent-
sprechendes Preispremium zu erzielen.
Dabei wird die Wahrnehmung einer Marke und somit ihre Kun-
denbindungskraft nicht nur durch die klassischen Formen von
Werbung, Marketing und PR beeinflusst und geformt. Viel wich-
tiger ist die Kommunikation, die außerhalb der unternehmens-
seitig kontrollierbaren Kanälen läuft, sei es die Mund-zu-Mund-
Propaganda innerhalb des Bekannten- und Kollegenkreises, die
2 vgl. Greinert, M.: Verbesserung des Markencontrolling durch neuere Rechnungs-
legungsnormen, in: ZfCM Controlling & Management, 47. Jg. (2003), S. 123-
128.
3
DIE BEDEUTUNG DER MARKE IM RATING-PROZESS
Berichterstattung in den Medien oder schlicht das freundliche
Lächeln der Mitarbeiterin an der Kasse. Marke kommuniziert
ganzheitlich, d. h. Unstimmigkeiten, die in einem einzelnen Ele-
ment des Markensystems auftreten, strahlen unweigerlich auch
auf die anderen Elemente ab, führen zu Irritationen bzw. Miss-
trauen und bedrohen im schlimmsten Fall die Existenz des ge-
samten Systems. 3
4. Berücksichtigung der Marke im Rahmen des
Ratings
Welche ökonomische Bedeutung Marken besitzen, wird nicht
zuletzt deutlich, wenn man sich die Entwicklung und den Wert
von stringent markenzentriert geführten Firmen vor Augen führt.
Als prominentes Beispiel mag hierbei die Coca-Cola Company
gelten, deren Marktkapitalisierung von knapp 110 Mrd. US-
Dollar ihren Buchwert von gut 12 Mrd. US-Dollar um mehr als
das Neunfache übersteigt. 4
Bei einer adäquaten Bewertung einer Marke im Rahmen des
Rating-Verfahrens ergeben sich mitunter Schwierigkeiten. Zum
einen ist es nicht unproblematisch, den aktuellen Wert und das
künftige Potenzial einer Marke adäquat zu erfassen und zu
quantifizieren, zum anderen erweist sich die Tatsache als prob-
lembehaftet, dass Marken auf Grund ihrer spezifischen Charak-
teristika erhebliche Unterschiede zu den klassischen Kredit-
sicherheiten aufweisen und daher durch entsprechende Maß-
nahmen im Bereich des Risiko-Managements abgesichert wer-
den müssen.
Neben dem Aktivierungsverbot für selbst erstellte Marken zeigt
sich beim Bilanzansatz darüber hinaus die oftmals angewandte
Zeitwertabschreibung von erworbenen Markenwerten u. U. als
unzureichend, da das Vertrauen in eine Marke und damit ihr
Wert im Zeitablauf wachsen. Je öfter eine Marke ihr Leistungs-
versprechen erfüllt und die Kunden ihre positive Erfahrungen
machen, desto größer wird das Vertrauenskapital und damit
auch der Wert der Marke.
3 Vgl. zum vorangegangenen Abschnitt Schiller, W.; Quell, M.: Brand Risk Mana-
gement – Marke als Gegenstnd des ganzheitlichen Risiko-Managements, in: Ro-
meike, F.; Finke, R. [Hrsg.]: Erfolgsfaktor Risiko-Management, Wiesbaden 2003,
S. 117-127.
4 Quelle: Company Profile von Thomson Financial Services, 01.06.2003.
4
DIE BEDEUTUNG DER MARKE IM RATING-PROZESS
Um zu einer realistischen (d. h. von Einflüssen des Bilanzrechts
unverfälschten) Einschätzung des ökonomischen Potenzials der
Marke zu gelangen, wurden zwar zahllose Markenbewertungs-
verfahren entwickelt, alle derzeit praktizierten Ansätze weisen
jedoch methodische Defizite auf und sind stets einer gewissen
(bewussten oder unbewussten) Willkür des jeweiligen Analysten
unterworfen. Diese Schwächen zeigen sich nicht zuletzt daran,
dass die Ergebnisse der einzelnen Markenbewertungsverfahren
mitunter ganz erhebliche Differenzen aufweisen: Beispielsweise
bezifferte die Markenagentur Interbrand den Wert der Marke
Siemens im Jahr 2002 auf gut 1 Mrd. US-Dollar 5, während sie
in einer anderen Analyse der Financial Times mit knapp 21 Mrd.
Euro bewertet wurde 6. Derart eklatante Unterschiede mögen auf
den ersten Blick zwar unverständlich erscheinen, sind jedoch
durchaus erklärbar, wenn man sich nochmals den spezifischen
Charakter der Marke vor Augen führt: Ein lebendiger und dyna-
mischer Organismus, wie die Marke, lässt sich mithilfe eines
starren Bewertungsmechanismus nicht exakt erfassen. Insge-
samt bleibt festzuhalten, dass die heute angewandten Verfah-
ren zur Ermittlung von Markenwerten ihren selbst formulierten
Ansprüchen nur bedingt gerecht werden und damit für die Zwe-
cke des Ratings ebenfalls keinen Ausweg aus dem Bewertungs-
dilemma eröffnen.
Deshalb empfiehlt es sich, die Einbeziehung der Marke in das
Rating mit Hilfe eines ganzheitlichen Ansatzes vorzunehmen.
Mögliche Aspekte die daher auch im Rahmen des Rating abge-
prüft werden sollten, umfassen daher u. a. die folgenden Fakto-
ren: 7
5 Interbrand [Hrsg.]: World’s Most Valuable Brands 2001, elektronisch veröffent-
licht unter: http://www.interbrand.com
6 Prellberg, M.: Ranking: Der Markenwert der Spitzenkonzerne, in: Financial Times
Deutschland vom 14.08.2002
7 Vgl. Schiller, W.; Quell, M.: Brand Risk Management – Marke als Gegenstand des
ganzheitlichen Risiko-Managements, in: Romeike, F.; Finke, R. [Hrsg.]: Erfolgs-
faktor Risiko-Management, Wiesbaden 2003, S. 127 f.
5
DIE BEDEUTUNG DER MARKE IM RATING-PROZESS
Aspekte der Markenbewertung
• Verfügt das Unternehmen über verbindliche wertegeleite-
te Handlungsrichtlinien für alle Unternehmens- bzw. Mar-
kenbereiche?
• Sind die Mitarbeiter in der Lage, das wirklich Einzigartige
und Alleinstellende an der Marke zu erklären?
• Auf welche Art und Weise kommen Produktinitiativen zu-
stande? (z. B.
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Ratingaktuell.pdfUNTERNEHMEN UND IHRE KUNDEN
Die Bedeutung der Marke
Marke im Rating-Prozess
im Rating-Prozess
Wolfgang R. Schiller/Roland F. Erben
Um den Wertzuwachs einer
Marke zu erreichen, muss diese
Jedes Rating ist sui generis zukunftsgerichtet. Schließlich behutsam gepflegt werden
soll es darüber Auskunft geben, mit welcher Wahrschein-
lichkeit erwartet werden kann, dass der Schuldner die Zins-
und Tilgungszahlen während der gesamten Laufzeit eines Kre-
dits auch tatsächlich leisten wird. Die Erkenntnis, dass ein
Urteil über die Solvenz von morgen anhand der Bilanz von
gestern nur sehr eingeschränkt möglich ist, dürfte sich im
Bereich des Ratings inzwischen als Allgemeinwissen etabliert
haben. Folgerichtig gewinnen die so genannten weichen
Faktoren und immateriellen Vermögensgegenstände im Rah-
men der Rating-Entscheidung zunehmend an Bedeutung.
B
ei der Frage, welche der ver- größtenteils qualitativ hochwertige
schiedenen Rating-Faktoren Konkurrenzprodukte aus Bil-
und Vermögensgegenstän- liglohnländern) entscheidende
de in welchem Umfang in das Ra- Wettbewerbsvorteile realisiert wer-
ting einfließen sollen, richtet sich den können. Wie bei fast allen im-
die Aufmerksamkeit derzeit primär materiellen Vermögenswerten
auf Komponenten wie Kunden- taucht die wirtschaftliche Bedeu-
stamm, Mitarbeiter-Know-how/Hu- tung und das Potenzial von Mar-
mankapital, Innovationsfähigkeit, ken jedoch in keiner Bilanz auf. So-
Standortvorteile u. a. m. Im Ver- wohl nach den Vorschriften des
gleich mit diesen Assets wird ei- HGB als auch nach IAS besteht der-
nem der wichtigsten Wertetreiber zeit ein explizites Aktivierungsver-
des Unternehmens allerdings noch bot für selbst erstellte Markenwer-
relativ wenig Beachtung geschenkt: te. Obwohl im Zuge der IAS-Wei-
der Marke. terentwicklung derzeit intensiv
Charakteristika und
über Möglichkeiten eines möglichst
Die Marke im Rating-Prozess Bedeutung der Marke
transparenten und realistischen Bi-
Eine stärkere Berücksichtigung lanzausweises von „Intangible As- Zuallererst ist Marke weitaus
der Marke erscheint nicht zuletzt sets“ diskutiert wird, blenden vie- mehr als ein Produkt mit einem Lo-
deshalb als Desiderat, da durch ei- le Manager markenrelevante Aspek- go. Marke ist vielmehr die Idee und
ne markenzentrierte Unterneh- te bei ihren Entscheidungen noch das Konzept, das hinter dem Pro-
mensstrategie gerade unter den mo- weitestgehend aus. Die primäre Ur- dukt steht, es charakterisiert und
mentanen wirtschaftlichen Rah- sache für die systematische Unter- differenziert. Diese Idee bleibt selbst
menbedingungen (steigende Wett- schätzung der Marke ist dabei nicht dann bestehen, wenn sich das Pro-
bewerbsintensität, Preiskampf mit selten ein falsches Markenver- dukt ändert. Beständigkeit ist dabei
Discountern sowie zunehmende, ständnis. keinesfalls mit Starrheit gleichzu-
16 RATINGaktuell 06/2003
UNTERNEHMEN UND IHRE KUNDEN
setzen, sondern garantiert vielmehr die Vermittlung von Werten als zelnen Element des Markensystems
eine Kontinuität und Selbstähn- Sinnangebote ermöglicht es, sich auftreten, strahlen unweigerlich
lichkeit in der Weiterentwicklung, vom Wettbewerb zu differenzieren auch auf die anderen Elemente ab,
mit deren Hilfe das Leistungsange- und ein entsprechendes Preispre- führen zu Irritationen bzw. Miss-
bot charakterisiert, strukturiert, ga- mium zu erzielen. Dabei wird die trauen und bedrohen im schlimms-
rantiert und stabilisiert wird. Auf Wahrnehmung einer Marke und ten Fall die Existenz des gesamten
diese Weise reduziert die Marke das somit ihre Kundenbindungskraft Systems.
Risiko und die Unsicherheit für den nicht nur durch die klassischen For-
Kunden. Bedenkt man, dass Pro- men von Werbung, Marketing und Berücksichtigung der Marke
dukte und Dienstleistungen immer PR beeinflusst und geformt. Viel
im Rahmen des Ratings
Welche ökonomische Bedeutung
Marken besitzen, wird nicht zuletzt
deutlich, wenn man sich die Ent-
wicklung und den Wert von strin-
gent markenzentriert geführten Fir-
men vor Augen führt. Als promi-
nentes Beispiel mag hierbei die Co-
ca Cola Company gelten, deren
Marktkapitalisierung von knapp
110 Mrd. US $ ihren Buchwert von
gut 12 Mrd. US $ um mehr als das
Neunfache übersteigt.1
Bei einer adäquaten Bewertung
einer Marke im Rahmen des Rating-
Verfahrens ergeben sich mitunter
Schwierigkeiten.
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