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E-Interview "Abschied von den Blütenträumen - Das Engagement der Banken in der New Economy" mit Jörg Birkelbach

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E-Interview "Abschied von den Blütenträumen - Das Engagement der Banken in der New...
Abstract / Inhalt:
Name: Herr Jörg Birkelbach
Funktion: Experte der Wirtschaftswoche Unternehmer-Show (n-tv), Autor einer Vielzahl von Artikeln und Büchern, Dozent und Referent an verschiedenen Bildungseinrichtungen zum Themenbereich eBusiness und Direktor einer bekannten deutschen Privatbank.

Sehr geehrter Herr Birkelbach,

Die Phase der Euphorie ist vorerst vorbei. Waren die Hoffnungen bezüglich der New Economy nur kollektive Blütenträume? Was bleibt nach der ersten Abkühlung als essentielle, nachhaltige Veränderung? Wann erwarten Sie gegebenenfalls wiederum eine Verbesserung der allgemeinen Einschätzung der New Economy?

Jörg Birkelbach:

Der Kurseinbruch am Neuen Markt und ein drastischer Wertverfall bei zahlreichen Dotcoms legt den Schluss nahe, dass die New Economy bereits am Ende und das Thema eBusiness bereits tot ist. Dotcom-Unternehmen stehen daher schwer unter Druck. Nach vielen unerfüllten Erwartungen reagieren die Anleger verständlicherweise empfindlich auf schlechte Nachrichten über ihre Beteiligungen. In der Folge wurden und werden viele Unternehmungen eingestellt.
Das Internet, als die Trägertechnologie dieser neuen Kultur und vor allem des eBusiness, wird sich - unabhängig von der aktuellen Situation an den Kapitalmärkten - grundlegend auf die Arbeits- und Freizeitwelt auswirken und auch erheblichen Einfluss auf die Unternehmenskultur nehmen. Vor dem Hintergrund dieser Aussage erwarte ich eine nachhaltige Fortsetzung der Entwicklung, die bislang unter dem Label "New Economy" bekannt wurde und für die heute neue Überschriften, wie Next, One oder True Economy herhalten müssen. Ganz gleich welcher Name sich für die neue Gründungskultur herausbilden wird, eines wird sich grundlegend ändern (müssen): Zukünftig wird Qualität das oberste Gebot aller Initiativen sein! Investoren werden noch genauer hinschauen, in wen oder was sie ihr Kapital investieren. Die bislang vorherrschende Polarisierung zwischen alter und neuer Ökonomie wird sich vollständig zu Gunsten eines integrativen Ansatzes auflösen.

Ich glaube von daher, dass wir erst am Anfang einer großartigen Entwicklung in Sachen eBusiness stehen, deren Anfangsfehler durch den aktuellen Bereinigungsprozess hoffentlich nachhaltig ausgemerzt werden können.


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Auch die Banken setzten große Hoffnungen in die Potenziale neuer Technologien und neuer Geschäftsmodelle. Muss nun aber das E-Business-Potenzial für die Banken grundsätzlich relativiert werden? Waren u.U. einige Initiativen gar nicht wirtschaftlich sinnvoll? Werden also eher Skeptiker und Bewahrer recht behalten?

Jörg Birkelbach:

Mittlerweile wurden viele der sogenannten (meist selbsternannten) eBusiness-Experten von der Realität eingeholt. Die von ihnen gestellten Weichen führten meist in die falsche Richtung und enorme Summen wurden in Projekte investiert, deren Businessplan von zweifelhafter Güte war. Es drängt sich daher der Verdacht auf, dass es hier insbesondere in den Führungsetagen an entsprechendem Know-how und eigener praktischer Erfahrung in Sachen e-Business mangelt, um zukunftsweisende eModelle beurteilen zu können. Um sich nicht zu blamieren, übertrumpfte man sich gegenseitig mit entsprechenden eProjekten und heute rudert man kräftig zurück, leider meist auf Kosten von Aktionären und vieler Arbeitsplätze.
Dabei könnten Banken durchaus eine zentrale Rolle im eBusiness spielen. Allerdings wäre hierzu eine wichtige Grundvoraussetzung zu erfüllen: Aufbau von entsprechendem Know-how über die Grundlagen und Gestaltungsmöglichkeiten des Internet und des eBusiness; dies würde sicher nicht nur dazu führen, entsprechende Projekte auf deren Erfolgsaussichten, sondern auch die vielen Berater selektieren zu können, die meines Erachtens ebenfalls eine große Schuld an der Fehlentwicklung hatten.

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Wie sieht insbesondere die Rolle der Privatbanken aus? Wie sehen Sie z.B. Potenziale zur Gewinnung der Erbengeneration oder zur besseren Kundenbindung durch Mehrwertdienste wie z. B. Online-Beratung im Rahmen von Informations-Portale bis hin zu virtuellen Kompetenzzentren? Wie schätzen Sie Handlungsbedarf und Potenziale im ePrivate Banking ein?

Jörg Birkelbach:

Für Außenstehende stellt sich die Frage, ob die Internetökonomie zu Privatbanken passt und wie eine entsprechende eStrategie aussehen muss. Es gibt sicher Privatbanken, die diesem Thema keine Bedeutung beimessen und wiederum andere, die eine sehr fokussierte eStrategie entworfen haben und diese auch konsequent leben.

Sinnvolle Möglichkeiten, das Internet auch für Privatbanken und deren exklusive Klientel einzusetzen, gibt es zweifelsohne viele, wie z. B. den Aufbau vom Internet-Vertriebskanälen (sowohl B2B als auch B2C) betreffen und Maßnahmen, die über Beteiligungen, Kooperationen und Produkten (z. B. Private Equity) realisiert werden können. Desweiteren bietet gerade die Internettechnologie ein erhebliches Potential zur Effizienzsteigerung durch Optimierung und Auslagerung bestimmter Prozesse.
Vor diesem Hintergrund sehe ich einen sehr hohen Handlungsbedarf insbesondere für Privatbanken. Ob das Internet aber zur Gewinnung und dauerhaften Bindung der Erbengeneration und der anspruchsvollen Klientel geeignet ist, wage ich aufgrund meiner spezifischen Erfahrungen anzuzweifeln. Privatbanken verfügen in der Regel über Alleinstellungsmerkmale im Hinblick auf Betreuungsqualität, Produktkompetenz und Social Network gegenüber den anderen Geschäftsbanken, die meist entscheidend sind für die Wahl dieser Bank. Die typische Klientel einer Privatbank ist zwar durchaus internetaffin, wird aber keine Dienstleistungspalette im Internet erwarten, wie diese beispielsweise von Onlinebrokern bereitgestellt wird. Im Klartext bedeutet dies: ein Privatbankkunde wird nicht zu einem Onlinebroker wechseln, nur weil er bei "seiner" Privatbank keine entsprechenden eFunktionaliäten vorfindet und umgekehrt werden kaum Kunden auf die Dienste einer exklusiven Privatbank verzichten wollen, nur weil diese eine nur eingeschränkte Internetfunktionalität hat.

Competence Site:

Banken waren aber nicht nur Anwender neuer Technologien, sondern auch als Emissionshäuser und VC-Geber Katalysatoren und Meinungsbilder der New Economy. Nicht immer waren Neuemissionen erfolgreich, zurückblickend wäre vielleicht im allgemeinen und besonders in einigen Einzelfällen eine größere Zurückhaltung angebracht gewesen. Haben sich die Banken zu leichtfertig engagiert? Besteht bei Banken und VC-Gebern eine Mitverantwortung an der "Überhitzung"?

Jörg Birkelbach:

Eine entsprechende Mitverantwortung an der "Überhitzung" ist bei einigen Instituten nicht von der Hand zu weisen. Zu oft konnte beobachtet werden, wie im Wettbewerb um Geschäftsanteile und Provisionserträge Unternehmen an die Börse gebracht wurden, die dort nicht hin gehörten. Auch bei den Direktinvestments haben einige Institute keine glücklich Hand bewiesen und erhebliche Summen an Eigenkapital "verbrannt". Auch hier kann als eine der Ursachen für diese Fehlentwicklung mangelndes Know-how angeführt werden. Kritische Meinungen zu Internetfirmen waren nicht wirklich gefragt. Kamen dennoch zweifelnde und warnende Argumente auf den Tisch, wurden deren Urheber schnell als technologiefeindlich oder gar als Zauderer gebrandmarkt. Das Geschäft in den Boomzeiten war einfach zu gut und die hausinternen Kritiker dieser Entwicklung wurden ständig "eines Besseren" belehrt; diese sind dann rasch verstummt. In den meisten Fällen hat sich diese Personengruppe mittlerweile rehabilitieren können.

Aber auch die Anleger hatten ihren Anteil an dieser Entwicklung, indem sie blindlings alles zeichneten, was am Neuen Markt emittiert wurde, meist ohne genau den Unternehmenszweck und Details aus Bilanz und GuV zu kennen oder gar zu verstehen.
So gesehen haben alle Beteiligten Schuld an dieser negativen Entwicklung und mussten entsprechendes Lehrgeld zahlen. Bleibt nur zu hoffen, dass alle Beteiligten die entsprechenden Konsequenzen daraus ziehen.

Competence Site:

Nach der "Überhitzung" droht nun der überzogene Rückzug von Investments auf breiter Front. Droht dadurch ein Innovationsstop für die New Economy? Was sind Lösungen gegen Überreaktionen ("Überhitzung", "Rückzug") in beide Richtungen?

Jörg Birkelbach:

Der tatsächlich spürbare und signifikante Rückzug hat nicht nur dazu geführt, dass schlechte Unternehmenskonzepte bzw. völlig überforderte und ungeeignete Managementteams schnell wieder vom Markt verschwinden, bevor größerer Schaden passiert. Leider sind auch eine Menge hoch attraktiver Geschäftsmodelle gescheitert, weil geplante Finanzierungsrunden nicht mehr realisierbar waren, bzw. das Geschäft aufgrund der Dotcom-Krise ausblieb.

Einen Investitionstop sehe ich derzeit vor allem für Unternehmen in der Seed- und Frühphase. Wer die notwendige Summe nicht aus dem privaten Umfeld aufbringen kann, wird in absehbarer Zeit kaum Chancen haben, ein Unternehmen zu gründen. Die Einstiegshürden für die Beschaffung von Venture Capital dürften sicher höher sein, als noch vor zwei Jahren. Nach Beruhigung der Kapitalmärkte ist nach meiner Einschätzung von einem wieder aufleben des VC Marktes auszugehen. Allerdings dürfte der Neue Markt als eine bislang stets angestrebte Exitmöglichkeit bei vielen Jungunternehmern keine Rolle mehr spielen. Nicht nur, dass die Barrieren für einen IPO immer höher geschraubt werden; vielmehr hat es sich bei den Gründern herumgesprochen, dass der Preis für das vermeintlich schnelle Geld eine absolut Öffentlichkeit mit sich bringt, die einen enormen Druck auslöst, und dem man sich lieber entziehen will.

Competence Site:

Wichtige Meinungsbilder in der New Economy waren die Medien, insbesondere die auf die New Economy spezialisierten Zeitschriften wie business 2.0 und e-business oder Sendungen wie die Unternehmer-Show. Welche Lehren sollten Medien aus den Entwicklungen der letzten Monate ziehen?

Jörg Birkelbach:

Die Zeitschriften und Magazine, die vor kurzem wieder geschlossen wurden, sind im Grund genommen selbst Opfer der Neuen Ökonomie geworden. Nachdem nun die Anzeigen ausbleiben und nach Abklingen des Hypes am Neuen Markt auch viele Abonnenten abspringen, hatten diese keine Chance mehr, wirtschaftlich zu überleben. Inhaltlich waren gerade die beiden von Ihnen genannten Magazine journalistisch sehr gut gemachte und fachlich versierte Magazine, die ihren Platz in der Gründerszene verdient gehabt hätten.
Was die Unternehmershow der Wirtschaftswoche angeht, arbeitet die Redaktion unterstützt von einem Beirat permanent an einer Weiterentwicklung des in Europa bislang einzigartigen Formats. Da der Bewerberstrom nicht abreißt, sondern im Gegenteil insbesondere nach dem Relaunch nach der Sommerpause sogar ansteigt und auch die Zuschauerzahlen deutlich besser geworden sind, gehen wir davon aus, dass es einen echten Bedarf an derartigen Sendungen gibt.
Die Medien haben und werden nach meiner Einschätzung auch weiterhin einen bedeutenden Beitrag zum Aufbau der Internetökonomie leisten. Allerdings gilt auch hier das Postulat der Qualität und unabhängiger Berichterstattung.

Competence Site:

Was sind persönlich Ihre wichtigsten Erfahrungen der letzten Monate? Was planen Sie für die nächste Zukunft?

Jörg Birkelbach:

Natürlich bin auch ich sowohl mittelbar als auch unmittelbar von dieser Entwicklung betroffen. Ich spüre die Auswirkungen in meinem Beruf als Leiter der eBusiness-Aktivitäten einer Bank, als Autor und Journalist, als Referent und Dozent von Seminarveranstaltungen, als Aufsichtsrat, aber auch als Anleger.
Die gemachten Erfahrungen führen insgesamt zwar zu einer Ernüchterung bei mir und zu einer gewissen Abkühlung in der Einschätzung der Entwicklungsdynamik. Dennoch komme ich immer wieder zu dem Schluss, dass, - sofern die Qualität stimmt -, in der Internetökonomie die Zukunft liegen wird.
Diese Überzeugung folgend plane ich meine beruflichen Aktivitäten auch zukünftig weiterhin und ausschließlich auf das eBusiness-Umfeld zu konzentrieren. Konkret bin ich im Gespräch zur Übernahme verschiedener eBusiness Lehraufträge an internationalen Universitäten. Im Februar kommenden Jahres wird mein nächstes Buch* erscheinen, welches ich mit den bisherigen Fehlern des eBusiness auseinandersetzen wird. Ferner plane ich meine Erfahrungen verstärkt in verschiedenen Gründungsinitiativen mit einzubringen.

Vielen Dank für das Interview, Herr Birkelbach!

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* Birkelbach / Nanahary: eBusiness - Die größten Fehler und was man daraus lernen kann, Falkenbuch Verlag, Niedernhausen
 
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