Beim ‚Hüh und Hott‘ der Rohstoffpreise kann die deutsche Industrie Gewinnverluste in Milliardenhöhe einfahren – wenn sie sich nicht absichert.
Bonn, 9. Februar 2011 – Rohstoffe stehen im Fokus von Investoren. Die extremen Preisschwankungen versprechen Chancen auf hohe Margen, setzen aber gleichzeitig die produzierende Realwirtschaft massiv unter Druck. „Die Entkoppelung der Preisentwicklung von der Konjunktur wird sich massiv auf die Industrie auswirken, vor allem auf mittelständische Unternehmen, die in der Regel wenig Erfahrung im Umgang mit diesen großen Risiken haben“, erklärt Harald L. Schedl, Partner der globalen Strategie- und Pricingberatung Simon-Kucher & Partners. Gemeinsam mit Stefan Pargfrieder, Consultant bei Simon-Kucher, beobachtet er die Vorgänge am Rohstoffmarkt seit Jahren intensiv.
Ein Negativbeispiel für die Auswirkungen dieser Spekulationen ist der britische Rohstoffhändler Armajaro. Dieser hat sich Mitte letzten Jahres 7 Prozent der Kakao- Jahresweltproduktion gesichert. Resultat: Die Kakaopreise im Jahr 2010 stiegen um durchschnittlich 25 Prozent; die Schokoladenpreise für Endkunden jedoch nur um bis zu 10 Prozent. Bei einem Jahresproduktions-volumen von knapp fünf Milliarden Euro (Quelle: BDSI) müssen die Schokoladenhersteller somit 15 Prozent, also 0,75 Milliarden der Preissteigerung selbst schultern. „Extrembeispiele wie dieses stellen ein Bedrohungsszenario für die gesamte Realwirtschaft dar“, warnt Schedl.
Gewinnrisiko bei engen Margen
Besonders betroffen von den derzeit hohen Rohstoffpreisschwankungen sind die verarbeitenden Betriebe, sowohl die Großindustrie wie auch der produzierende Mittelstand. Schwankungen von bis zu 50 Prozent setzen ohnehin knapp kalkulierende Unternehmen noch mehr unter Druck. Dies rechnet Schedl am Industriekonzern ThyssenKrupp beispielhaft vor:
Bei einem Umsatz von 42,6 Milliarden Euro im Jahr 2010 und einem operativen Gewinn in Höhe von 824 Millionen beträgt die Marge ca. 1,9 Prozent. Der Rohstoffanteil an den Produktionskosten wird nach Angaben des Bundesverbands deutscher Stahlhandel (BDS) mit 55 Prozent veranschlagt. Geht man von einer Preiserhöhung von 5 Prozent an Kunden und Stahlpreiserhöhungen von knapp 30 Prozent aus, wären die Folgen dramatisch. „Würde sich ThyssenKrupp nicht ausreichend gegen diese Rohstoffpreisschwankungen absichern, sänke der Gewinn von 824 auf 710 Millionen Euro“, sagt Schedl.
Eindrucksvoller sieht die Beispielrechnung für den Mittelständler egeplast, einem europaweit führenden Hersteller von Kunststoffrohren, aus:
Bei einem Umsatz von 84 Millionen Euro (2009), einer Marge von 5,5 Prozent, einem Rohstoffanteil an der Produktion von 70 Prozent (laut Plastixx, Polymerindex) Preissteigerungen von 30 Prozent für Polymer im Jahr 2010 und einer Preiserhöhung von 10 Prozent an Kunden ergibt sich Folgendes: Der Gewinn würde um 14 Prozent auf 3,9 Millionen Euro sinken, sofern keine Absicherungsmaßnahmen getätigt wurden. „Das kann für ein mittelständisches Unternehmen im Extremfall das Aus bedeuten“, so Schedl.
Hochgerechnet auf die gesamte deutsche Industrie, stünde ein Schreckensszenario bevor. Laut statistischem Bundesamt haben der Bergbau und das verarbeitende Gewerbe im letzten Jahr einen Gesamtumsatz von etwa 1.500 Milliarden erwirtschaftet. Angenommen, Rohstoffpreise erhöhen sich um 30 Prozent, Preise an Kunden um 7 Prozent und der Rohstoffanteil hat einen Anteil von 30 Prozent an den Produktionskosten. Dies würde bei einer Marge von 10 Prozent über alle Branchen hinweg ohne jegliche Preisabsicherung einen Gewinnverlust von 10,4 Milliarden Euro bedeuten. Ein Betrag, der dem gesamten Jahresumsatz der Dax-notierten Adidas Gruppe entspricht.
Wege aus der Risikofalle
Die Beispiele verdeutlichen einmal mehr die Wichtigkeit, Rohstoffrisiken in der Preisgestaltung abzusichern. Dabei reichen klassische Preisgleitklausen nicht mehr aus. Einen eigenen Weg geht dabei die deutsche Stahlindustrie, die sich mit Gründung einer ‚Rohstoff-AG‘ behelfen will. Zweck ist der gemeinsame Einkauf, wie auch die Erschließung neuer Rohstoffquellen wie die aktuelle Verhandlungen mit Kasachstan zeigen. „Dies ist eine effiziente Möglichkeit, die Volatilität aus dem Markt, die durch Konzentration auf der Lieferantenseite ebenfalls gestiegen ist, zu nehmen. Leider stehen solche Maßnahmen meist nur Konzernen, nicht aber dem Mittelstand zur Verfügung“, erklärt Schedl. Der Mittelstand, das Rückgrat der deutschen Wirtschaft, müsse auch zu direkteren Absicherungen greifen, um nicht von den massiven Preisschwankungen erdrückt zu werden. Die Rohstoffexperten Schedl und Pargfrieder wissen, ganz aussichtslos ist die Lage nicht. „Monitoring von Preisschwankungen, Absicherung über vertragliche Vereinbarungen oder maßgeschneiderte Finanzinstrumente, sowie Bepreisung und Weiterverrechnung der Risikoabsicherung können den Druck auf Industrie und Mittelstand erheblich reduzieren“, sagt Schedl. Klar ist, dass den Unternehmen die zu starke Volatilität der Rohstoffpreise auch in den nächsten Jahren erhalten bleiben wird.
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