Eine neue Wertschätzung für Führung
Es ist schon seltsam: Nach dreißig Jahren verbreiteter Autoritätskritik erlebt der Begriff Führung derzeit eine unerwartete Renaissance: Unternehmer sollen ihre Mitarbeiter führen. Politiker sollen die Bürger führen. Eltern sollen ihre Kinder führen. Das Wort »Führung« hat wieder einen besseren Klang. Dieser Vorgang ist schon erstaunlich. Immerhin gab es in Deutschland aus nachvollziehbaren Gründen über viele Jahre kaum einen Begriff, der so verpönt war, wie der der Führung. Woran liegt es, dass Führung eine neue Wertschätzung erlangt? Ich denke, die Antwort liegt auf der Hand. Die Menschen spüren, dass vertraute Sicherheiten ins Rutschen geraten sind. Sie sind verunsichert und sie fühlen sich orientierungslos. Noch 1999 ‑ zum 50. Jahrestag des Grundgesetzes ‑ strotzte Deutschland vor Selbstbewusstsein. Der Platz an der Sonne schien für alle Zeit gesichert. Aber nun kommt alles ganz anders. Was niemand für möglich gehalten hat, wird uns nun immer deutlicher: Das Modell der Bundesrepublik ist selber in die Krise geraten. Demografen sprechen vom Aussterben der Deutschen. Jugendforscher klagen laut über Gewalt- und Drogenprobleme und kritisieren das Elend der Erziehung. Die Pisa-Studie deckte den Bildungsnotstand im Land der Dichter und Denker auf. Und nun ist auch noch die multikulturelle Gesellschaft in die Diskussion geraten. Kein Wunder, dass die Deutschen, die sich gerade noch an der Spitze des Fortschritts wähnten, plötzlich Angst bekommen. Und die Politiker? Wohin man schaut, alle reden nur noch von notwendigen Reformen: Sozialstaatsreform, Steuerreform, Schulreform, Föderalismusreform. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Natürlich ist Deutschland noch immer ein wohlhabendes Land. Dennoch ist nicht zu leugnen: Die Lage ist ernst. Unser Land hat wesentlich an Attraktivität und an Konkurrenzfähigkeit verloren! Die höchsten Arbeitskosten und die niedrigsten Arbeitszeiten, Steuern und Abgaben auf Spitzenniveau, eine ausufernde Bürokratie ‑ die Liste der Wettbewerbsnachteile ist lang. Deutschland ist heute nicht mehr das Musterland der Welt. Immer mehr Firmen gehen deshalb mit ihren Investitionen ins Ausland. Und dieser Prozess wird sich vorerst fortsetzen. Es führt also kein Weg daran vorbei: Deutschland muss sich fi t machen für die Zukunft. Und das heißt konkret: Unser Land muss sich der Herausforderung der Globalisierung stellen! Langsam nehmen wir zur Kenntnis, dass sich überall in der Welt viele Staaten im Aufbruch befinden: In Osteuropa, in Asien, sogar in Südamerika. Die Menschen dort tun alles, um zum Westen aufzuschließen. Deutschland steht damit vor einer Zäsur. Nicht wir geben die Standards vor (mit sozialer Sicherheit, Kündigungsschutz, Mitbestimmung etc.), sondern andere setzen Maßstäbe und neue Akzente, mit denen wir uns im globalen Wettbewerb ‑ ob wir wollen oder nicht ‑ auseinandersetzen und messen müssen. Den Automobilkunden in Hongkong, New York oder Paris interessiert es nicht, ob es eine Steinkühlerpause gibt, wie hoch die Energiepreise und wie streng die Umweltauflagen in Baden-Württemberg sind. Er schaut auf den Preis, vergleicht Leistung und Qualität, achtet vielleicht auch noch auf Marke und Image ‑ und dann trifft er seine Kaufentscheidung. Im Übrigen: Was allein der rasante Aufstieg Chinas und Indiens für die weltweiten Industrie- und Rohstoffmärkte bedeutet, das haben wir meines Erachtens in Deutschland noch nicht einmal ansatzweise registriert. Mit anderen Worten: Wir befinden uns in einer neuen geschichtlichen Lage, und wir müssen uns dieser neuen Herausforderung stellen.
Lesen Sie das Kapitel "Politische Führung in schwierigen Zeiten ‑ Orientierung vermitteln und Vertrauen schaffen" aus dem Buch "Wertschöpfung braucht Werte - Wie Sinngebung zur Leistung motiviert" von Péter Horváth (Hrsg.) mit freundlicher Genehmigung des Schäffer-Poeschel Verlags.
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