„Transparenz kann als Treppenwitz verstanden werden“
Interview mit Prof. Dr. Stephan A. Jansen
Nicht erst seit der Verabschiedung des Anlegerschutz- und Funktionsverbesserungsgesetzes durch den Bundestag sind die Schlagworte „Transparenz“ und „Aufklärung“ in aller Munde. Professor Dr. Stephan Jansen von der Zeppelin University in Friedrichshafen am Bodensee hat in seinem gleichnamigen Buch Aspekte der Transparenz aus wissenschaftlicher Sicht erörtert – mit erstaunlichen Ergebnissen. Er spricht hier über die Zwangsläufigkeit von Transparenzforderungen, die Schutzfunktion der Intransparenz, den verwirrenden Faktor von Übertransparenz und plädiert für einen universitär geförderten Umgang mit Nicht-Wissen.
Herr Jansen, wieso befasst sich ein Professor für strategische Organisation und Finanzierung mit Transparenz?
Weil eine Vokabel, gegen die man in Organisationen und auch bei Finanzdienstleistern eigentlich nicht sein kann, wissenschaftlich herausfordert. Das nennt man im Alltag Abnicker-Konzepte, weil der entsprechende Sachverhalt eindeutig ist. Doch Wissenschaft heißt Zweifeln – gerade bei Selbstverständlichkeiten, die ja offenkundig sowohl für Organisationen als auch für Finanzinstrumente so selbstverständlich nicht sind.
Was kann denn eine hohe Transparenz innerhalb einer Branche oder eines Unternehmens erreichen, z.B. in der Bankbranche?
Meine These ist, dass eine hohe Transparenz – metaphorisch gesprochen – zur Durchsichtigkeit führt, also zu so viel Information, dass man nichts mehr sieht. Durch diese Über-Transparenz kann also auch Intransparenz entstehen. Das werden wir auch bei Wikileaks beobachten können. Es geht eben nicht um die vollkommene Information. Das war genau die irrige Modellannahme der neoklassischen Wirtschaftstheorie. Es muss um eine intelligente Trivialisierung gehen, um eine zielgruppenbezogene Information im Sinne der begrenzten Kognition – wie es schon der Nobelpreisträger Herbert Simon 1946 ausführte.
Wird Transparenz demzufolge überschätzt? Ist sie dem politischen Stimmenfang geschuldet?
Definitiv. Transparenz kann wohl als ein Treppenwitz verstanden werden. Nach dem französischen Schriftsteller und Philosophen Denis Diderot ist ein Treppenwitz jener geistreiche Gedanke, der einem erst zu spät einfällt – nämlich erst nach dem Gespräch draußen auf der Treppe. Transparenz ist die Reaktion auf ein Ereignis, das bereits stattgefunden hat und bei dem einiges schief gegangen ist. Sie ist rückwärtsgerichtet. Ein schönes Beispiel aus der Politik war die Forderung von Bundeskanzlerin Angela Merkel im SPIEGEL vom 20. Dezember 2005, als sie eine ‚öffentliche Diskussion über Geheimdienste’ forderte. [...]
Das vollständige Interview aus dem Kundenmagazin "Marktbeobachtung März 2011" von HSBC Trinkaus finden Sie als PDF-Datei im Anhang!
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