Die RFID-Technologie - d.h. das Übertragen von Produkt-Sendungsdaten mittels Funkfrequenztechnologie - bietet interessante Chancen, durch Schaffung höchster Transparenz eine effizientere Steuerung logistischer Abläufe in vielen Industriebereichen zu ermöglichen. Doch erste Pilotprojekte in den letzten Jahren haben zu einer deutlichen Ernüchterung der Beurteilung dieser Technologie geführt. Zum einen erlaubten die hohen Chip-Preise nur für Spezialanwendungen einen wirklich attraktiven Business Case, zum anderen war die Technologie teilweise noch nicht ausgereift.
RFID – Technologie:
Neuer Innovationsmotor für
Logistik und Industrie?
Gemeinsame Studie von Booz Allen
Hamilton und der Universität St. Gallen
Frankfurt/St. Gallen
2004
Die RFID-Technologie - d.h. das Übertragen von Produkt-Sendungsdaten
mittels Funkfrequenztechnologie - bietet interessante Chancen, durch
Schaffung höchster Transparenz eine effizientere Steuerung logistischer
Abläufe in vielen Industriebereichen zu ermöglichen. Doch erste
Pilotprojekte in den letzten Jahren haben zu einer deutlichen Ernüchterung
der Beurteilung dieser Technologie geführt. Zum einen erlaubten die
hohen Chip-Preise nur für Spezialanwendungen einen wirklich attraktiven
Business Case, zum anderen war die Technologie teilweise noch nicht
ausgereift.
Die Grundsituation hat sich in den letzten zwei Jahren deutlich geändert.
Große Handelshäuser wie Wal-Mart in USA oder Metro in Deutschland
haben inzwischen umfassende Pilote zu RFID-basierten Businessanwen-
dungen (z.B. Super-Store) aufgesetzt. Auch das US-Militär hat eine um-
fassende RFID-geprägte Erneuerung seiner Materialwirtschaft ange-
kündigt. Gleichzeitig fallen die Chip-Preise drastisch und große Technolo-
giekonzerne von Intel bis SAP kündigen erhebliche Investitionen in diesem
Bereich an. Inzwischen gibt es weltweit kaum noch eine Logistikkonferenz
auf der nicht RFID als eines der Kernthemen umfassend diskutiert wird
und viele Unternehmen haben begonnen sich mit diesem Thema aus-
einander zusetzen.
Doch unter welchen Rahmenbedingungen macht es wirklich Sinn heute in
RFID-Technologie zu investieren? Welche Chancen bietet die Technologie
für einen fundamentalen Umbau der Geschäftsprozesse wirklich? Um
diese Fragen näher zu beantworten, hat Booz Allen Hamilton gemeinsam
mit dem M-Lab an der Universität St. Gallen europaweit eine empirische
Studie mit insgesamt über 30 führenden Großunternehmen durchgeführt.
Hierbei standen sowohl Transport- und Logistikanbieter als auch Anwen-
der in der Automobilindustrie im Vordergrund, um die gesamte Leistungs-
kette der Logistik breit abzudecken. Insgesamt lassen sich die Ergebnisse
der Studie in folgenden Kernthesen zusammenfassen:
1. Klare Leistungsvorteile primär bei Spezialanwendungen:
RFID rechnet sich heute insbesondere da, wo aufgrund hoher Nach-
weispflicht höchste Prozesssicherheit erforderlich wird und zudem ein
geschlossener Logistikkreislauf (Closed Loop Systeme) die Wiederver-
wendbarkeit der noch teuren Chips gewährleistet. Führend in der An-
wendung solcher geschlossenen Systeme ist die Automobilindustrie,
die seit über 10 Jahren entsprechende Anwendungen in der Produk-
tionskontrolle erfolgreich einsetzt.
Offene Systeme (Open Loop Systems), die heute Grundlage der Roll-
out Pläne im Handel und der Konsumgüterindustrie sind, kommen auf-
grund der notwendigen hohen Investitionen für Chips, Reader Infra-
struktur und Systemintegration noch nicht auf ein positives Nutzen-
Kosten Verhältnis. Hier sind noch erhebliche Anstrengungen erforder-
lich, um einen positiven Business Case darstellen zu können. Die Roll-
out Dynamik wird in diesem Umfeld mehr durch die Marktmacht des
Handels und die proaktive Vermarktung der Technologieanbieter als
von einem klaren Business Case diktiert. Fakt ist: Die Anwenderin-
dustrien treiben die Erprobung und den Rollout der RFID-Technologie
in der Logistik voran.
RFID Umsetzung nach Anwendungen und Industrie
Implementierung getrieben
Handel durch offene Systeme
Business Cases nicht
eindeutig
FMCG
Nutzeneffekt über Supply
Chain Kollaboration
Pharma
Implementierung getrieben
Elektronik durch geschlossene Systeme
Positive Business Cases
vorhanden
Automobil Nutzeneffekt lokal darstellbar
0 1 2 3 4 Erträge 5
Beobachten Test Pilot Roll-Out
einfahren
Adoption Status
Offene Systeme Geschlossene Systeme
Abbildung 1: RFID Roll-out Strategien je Industriesegment
Quelle: M-Lab Universität St. Gallen, Booz Allen Hamilton
2. Marketing steht bei Massenanwendungen noch im Vordergrund:
Die überwiegende Mehrheit der befragten Unternehmen schätzen
RFID-Technologie als strategisch wichtig für die Entwicklung ihres
Geschäftes ein. Doch selbst die Innovatoren unter den RFID-Anwen-
dern nutzen das Thema RFID heute noch primär als Marketing-Platt-
form, um das Unternehmen innovativ zu positionieren. Die realisierten
und geplanten Investitionen sind vergleichsweise niedrig und gehen,
wie das Beispiel der Logistikindustrie in Abbildung 2 zeigt, über kleinere
Pilote selten hinaus. Die Technologieanbieter beteiligen sich häufig an
der Finanzierung, um entsprechende Referenzcases zu erhalten.
Spielt die RFID Technologie eine strategische In welchem Umfang stellen Sie Mittel
Rolle für die Entwicklung Ihres Geschäfts? für die RFID Entwicklung bereit?
40,0%
35%
35,0%
33%
30,0%
% der Umfrageteilnehmer
27%
25,0%
Nein 20%
20,0% 18%
15,0%
10,0%
Ja
5,0%
67% 0,0%
Nicht < 250k Euro < 500k Euro > 500k Euro
entschieden
Umfang der Investitionen p.a.
Abbildung 2: Strategische Bedeutung der RFID-Technologie in der Logistikindustrie
Quelle: M-Lab Universität St. Gallen, Booz Allen Hamilton
3. Klarer Fokus heute auf Prozesseffizienz:
Zwar ist die Prozesssicherheit in der Logistik heute oftmals schon hoch,
doch wird sie vielfach durch einen erheblichen Qualitätssicherungs- und
Trouble Shooting-Aufwand erreicht. Im Fall eines Automobilherstellers
betrug die Fehlerrücklaufquote in der Montage ca. 50%. Hier setzt RFID
heute schon an und hilft, mit lokalen Lösungen in der Produktion die
Prozesseffizienz deutlich zu steigern. In der Automobilteileversorgung
entstehen aber zur Zeit, ähnlich wie im Handel, auch überregionale
Anwendungen (z.B. CKD) zur Organisation und Steuerung von Waren-
strömen.
Speziell für die Transport-Dienstleister steht neben der Optimierung der
Logistikprozesse auch die Erfüllung von Kundenanforderungen im
Vordergrund. Hier erwartet man durch die angekündigten RFID Roll-out
Pläne von großen Einzelhändlern wie Wal-Mart, Metro oder Tesco
erheblichen Änderungsbedarf in der Transport- und Logistikabwicklung.
Die wenigsten Logistiker denken aber heute bereits konkret über die
proaktive Entwicklung und Vermarktung von RFID-basierten Lösungen
für ihre Kunden nach.
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