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E-Interview: Das Ende der europäischen IT-Entwicklung?
Name: Gerd Quittenbaum
Unternehmen: Mascot Systems GmbH
Funktion: Managing Director
Kurzeinführung in das Titel-Thema:
Die Globalisierung macht auch vor der IT-Entwicklung nicht halt. Unterschiedliche
Personalkosten innerhalb und außerhalb Europas führen dazu, dass immer mehr
Unternehmen einen Teil ihrer Entwicklung global outsourcen. Ist IT-Entwicklung von
der Konzeption bis hin zur Programmierung für Europa überhaupt noch tragbar? Was
wird in Zukunft die Rolle europäischer IT-Kompetenz im globalen Wettbewerb sein?
Was bedeutet dies für europäische IT-Unternehmen, IT-Spezialisten und die IT-
Bildung in Europa? Wie gut ist Europa im Vergleich mit den USA auf die globalen
Entwicklungen vorbereitet? Wie sehen in Zukunft die globalen Schnittstellen in der
Entwicklung aus? Was sind die Vorteile, welche Rahmenbedingungen sind
notwendig? Wie werden kulturelle Grenzen überwunden? Welche Unternehmen
nutzen diesen Ansatz bereits? Wie verlaufen konkrete Anwendungsentwicklungs-
Projekte?
Gerd Quittenbaum, Managing Director von Mascot Systems, skizziert die IT-Ent-
wicklung im Zeitalter der Globalisierung und Offshore Entwicklung und zeigt auf,
dass globale IT-Entwicklung auch eine Chance für europäische Anwender und
Systemhäuser sein kann.
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Sehr geehrter Herr Quittenbaum,
Competence Site:
Die Globalisierung macht auch vor der IT-Entwicklung nicht halt. Unterschiedliche
Personalkosten innerhalb und außerhalb Europas führen dazu, dass immer mehr
Unternehmen einen Teil ihrer Entwicklung global outsourcen. Ist IT-Entwicklung von
der Konzeption bis hin zur Programmierung überhaupt noch für Europa tragbar? Was
wird in Zukunft die Rolle europäischer IT-Kompetenz im Rahmen globalen Wett-
bewerbs und globaler Kooperation sein? Welche Risiken und welche Chancen bietet
die Globalisierung im IT-Bereich?
Gerd Quittenbaum:
Globalisierung in der IT wird von Kostenoptimierung getrieben. Der bekannteste
Kostensenkungsansatz in der IT ist das sogenannte Outsourcing, bei dem ganze
Rechenzentren – oder Teile davon – einem IT Dienstleister übertragen werden.
Aufgrund von Optimierungsmöglichkeiten (economies of scale) über den Betrieb von
Rechenzentren mehrerer Kunden sind so Einsparungen für ein Unternehmen von ca.
20% der IT Kosten möglich. Diese Art des Outsourcing ist wird überwiegend durch
die weltweit grössten IT Dienstleister betrieben.
Es gibt aber noch eine andere Art des Outsourcing, nämlich das Outsourcing von
Dienstleistungen wie Systementwicklung und den Betrieb der Anwendungen selbst
(Applications Maintenance). Hier sind im europäischen Raum nur unerhebliche
Synergien durch IT Dienstleister darstellbar, weil hier nicht die Maschine, sondern
der Mensch Leistungserbringer ist. Und diese Arbeitskraft kostet beim Kunden in
etwa das Gleiche wie beim IT Dienstleister, es sei denn, man kauft diese Leistungen
in Ländern ein, die ein besseres Preis-/Leistungsverhältnis bieten.
In den USA findet diese Art des Outsourcing von IT Services schon seit Ende der
80er Jahre statt. Heutzutage ist in den USA ein Zustand erreicht, bei dem bei
grossen IT Ausschreibungen einfach davon ausgegangen wird, dass das anbietende
IT Unternehmen in sinnvollen Teilbereichen Leistungen offshore einkauft.
Unternehmen, die das nicht tun, sind preislich nicht mehr wettbewerbsfähig.
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Europa steht am Anfang dieser Entwicklung, die durch die Globalisierung aber rasant
voranschreitet. Weshalb soll ein gleiches Projekt von einem amerikanischen
Unternehmen günstiger angeboten werden können als von einem europäischen? Die
Globalisierung schafft – wie in vielen Bereichen – auch hier Transparenz und dient
damit als Beschleuniger von Wissenstransfer.
Es ist schon erstaunlich, dass die seit mehr als 10 Jahren erprobten und bewährten
Möglichkeiten der Kosteneinsparung von 30-60 % in IT-Projekten (System-
entwicklung, Applications Maintenance Outsourcing) in Kerneuropa nur zögernd
angenommen werden (McKinsey Report, Nasscom, 1999). Doch nun ist ein
Umdenkungsprozess spürbar. Immer mehr Unternehmen – und keineswegs nur
Banken, die auch in Europa hier Vorreiter waren – tun den ersten entscheidenden
Schritt. Dieser erste Schritt ist in der Regel der Beginn eines völligen Umgestaltungs-
prozesses im IT-Bereich. Denn einmal in den Genuss gekommen, die gleiche
Leistung günstiger zu bekommen, lässt man so leicht nicht mehr davon ab –
Unternehmen ausgenommen, die nicht den richtigen Wert auf die sorgfältige
Auswahl ihres Partners gelegt und vielleicht nur nach reinen Kosten pro Stunde
selektiert haben.
Sind bei dieser Entwicklung nun die europäischen IT-Consultants und Programmierer
am Ende ihrer Tage? Ja und nein. Bei Leistungen, die woanders in gleicher Qualität
günstiger zu bekommen sind, sicher ja. Aber das sind natürlich längst nicht alle
Leistungen. Die typischen Offshore-Leistungen sind technologiebezogen, wie z.B.
Re-Engineerings, Migrationen, Transformationen ganzer Systemlandschaften. Auch
Applications Maintenance ist leicht nach Offshore zu transferieren.
Anders sieht es aus in mehr geschäftsprozessorientierten Aktivitäten. Hier spielen
nationale Besonderheiten, Gesetzesvorschriften, aber auch verhaltensbezogene
Faktoren eine nicht untergeordnete Rolle. Ein Beispiel: Kein deutsches Untenehmen
würde die Gestaltung seines Customer Relationship Management (CRM) Prozesses
an ein IT-Unternehmen auch nur nach Frankreich vergeben. Ganz einfach deshalb,
weil die Kundenprozesse nationalen – oft sogar regionalen – Unterschieden
unterliegen, die es erfordern, dass neben dem reinen IT-Handwerk auch die
kulturellen Umgebungen Eingang in entsprechende Konzeptionen finden. Das gilt im
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Wesentlichen für die meisten geschäftsprozessorientierten Aufgaben. Ganz anders
die Situation in der Technologie. Technologie ist lehr- und erlernbar. An jedem Punkt
dieser Erde. Nicht zuletzt das Internet hat diese weltweite Zusammenarbeit in allen
technologischen Themen gefördert. Und ein Java- oder Cobol-Code kennt keine
kulturellen Unterschiede – er ist nur richtig oder falsch.
Damit definiert sich die Bedeutung Europas in diesem Umfeld klar in der
Beherrschung der Geschäftsprozesse in allen Branchen, ebenso durch den Umgang
mit den Kunden, wo nach wie vor die Sprache und das allgemeine kulturell
beeinflusste gegenseitige Verstehen wesentlich sind. Kommunikation mit den
Kunden und Gestaltung von Geschäftsprozessen sowie deren konzeptioneller
Umsetzung in IT sind und bleiben eine Domäne der IT-Spezialisten „vor Ort“.
Technologie lässt sich aber leicht globalisieren – und zwar gleitend globalisieren.
Das bedeutet, dass heute Indien im Preis/Leistungsverhältnis im IT-Bereich
unangefochten Weltspitze ist, morgen oder übermorgen diese Position aber auch an
andere Länder verlieren kann – ohne Auswirkungen auf die Endkunden, für die diese
Leistungen erbracht werden. Denn, wenn man schon mal etwas nach Offshore
bewegt hat, spielt es keine wesentliche Rolle mehr, wo die Offshore Location sich
befindet. Es sind allein Kompetenz, Erfahrung, Preis und Qualität der erbrachten
Leistung ausschlaggebend.
In diesem Zusammenspiel, lokale Betreuung und globale Entwicklung, wird sich in
den nächsten Jahren in der IT ein spannender Umgestaltungsprozess abspielen. Es
wird auf beiden Seiten, Onsite und Offshore, Gewinner und Verlierer geben.
Offshore-Unternehmen ohne ausreichende Methodenkompetenz und
Qualitätsansprüche werden es im Wettbewerb schwer haben. Ebenso werden
europäische IT-Dienstleister, die ihre Projekte nur mit nationalen Ressourcen zu
nationalen Preisen zusammenstellen, einfach immer weniger Kunden finden.
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Competence Site:
Was bedeutet dies für europäische IT-Unternehmen, IT-Experten und die IT-Bildung
in Europa? Welche Kompetenzen werden von europäischen Unternehmen und IT-
Experten in Zukunft noch nachgefragt? Wie gut sind europäische Unternehmen und
IT-Experten auf den globalen Wandel vorbereitet, insbesondere im Benchmark mit
den USA? Welche Kompetenzen sollten jetzt besonders entwickelt werden? Sind IT-
Bildung und IT-Politik überhaupt ausreichend auf diese Zukunftsszenarien vorbereitet
und kompetent genug, diesen Wandel zu begleiten?
Gerd Quittenbaum:
Europäische IT-Unternehmen tun gut daran, diese Entwicklung aktiv anzugehen,
schon ihren Mitarbeitern zuliebe. Das hört sich etwas eigenartig an, denn die
Arbeitsplätze vieler dieser Mitarbeiter sind ja durch Offshore-Entwicklung scheinbar
in Gefahr. Man sollte diese doch so lange wie möglich im eigenen Unternehmen
erhalten, oder?
Nur: ist es – angesichts einer vorhersehbaren Entwicklung – sinnvoll, weiter
Kapazitäten in schwerpunktmässig technologischen Feldern aufzubauen (man
basiert ja im Offshore-Geschäft nicht nur auf wissenschaftlichen Prognosen, sondern
auf einer tatsächlich in den USA stattgefundenen Entwicklung, die lediglich
zeitverschoben wiederholt wird, also berechenbar ist)?
Es sicher zu hinterfragen. So wie es keinen Sinn mehr macht, Programmierer,
welcher Sprache auch immer, in immer grösserer Anzahl auszubilden, es sei denn,
als Teil einer weiterführenden Ausbildung. Diese Codierung und Umsetzung ist
zeitlich endlich und wird in Zukunft nach anderen Modellen durchgeführt. Es gibt
dafür auch in Deutschland schon viele Beispiele, zwar meist noch von
amerikanischen Unternehmenstöchtern, aber immerhin mitten in Deutschland.
So besteht die IT einer Tochter einer grossen amerikanischen Rückversicherung in
München aus ca. 25 hochqualifizierten Personen. Manager, Projekt- und Programm-
Manager nehmen die Verbindung zu den Fachbereichen wahr, steuern
Ausschreibungen, steuern Dienstleister, beschreiben neue Geschäftsprozesse, etc.
Man sucht vergeblich nach Programmierern und Teilprojektleitern – denn diese
NetSkill AG
sitzen bei zwei IT-Dienstleistern in Indien.
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