Liebe Leserin, lieber Leser von Steuerrat24,
Gefühle können ja manchmal trügen - aber die gefühlte Schwindsucht im Portemonnaie trügt offenbar nicht. Jetzt bestätigt ein amtliches Gutachten das Gefühl der Menschen, dass ihre Kaufkraft seit Jahren schwindet. Die Bürger können sich von ihrem Einkommen immer weniger leisten - seit 2005 Jahr für Jahr zwischen 1,1 und 1,3 Prozent weniger. Das hat Gründe nicht nur auf der Ausgabenseite, sondern auch auf der Einnahmenseite:
Aber selbst wenn es Lohnerhöhungen in Höhe der Preissteigerungsrate gibt, verringert sich die reale Kaufkraft. Schuld daran ist die sog. kalte Progression. Das bedeutet, dass der Staat bei jedem zusätzlich verdienten Euro immer ungenierter zugreift, die Steuerlast also aufgrund des progressiven Steuertarifs mit einem höheren Prozentsatz steigt. Bei einem Ledigen mit einem Einkommen von 25.000 Euro und einer Lohnerhöhung von 5 % steigt die Steuerlast um 8,8 %. Ist der Ledige Lokführer und erhält auf seine 25.000 Euro 11 % mehr Lohn, muss er 19,5 % mehr an Steuern zahlen. Ein wesentlicher Grund für die 'kalte Progression' ist die niedrige Grenze, ab welcher der Spitzensteuersatz von derzeit 42 % zu zahlen ist. Lag diese Grenze im Jahre 1999 noch bei 61.377 Euro, so wurde sie im Jahre 2004 auf 52.152 Euro herabgesetzt (bei Verheirateten gelten doppelte Beträge). Dies führt dazu, dass längst nicht mehr nur Spitzenverdiener, sondern auch Facharbeiter den Spitzensteuersatz zahlen müssen. Statt die Grenze abzusenken, müsste sie bei vergleichbarer Kaufkraft heute bei mindestens 80.390 Euro liegen. Dann würde der Steuertarif weniger steil ansteigen und so die 'kalte Progression' zumindest etwas verringert.
Der Staat ist doppelter Profiteur, denn er greift den Bürgern von beiden Seiten in die Tasche - bei ihren Ausgaben und bei ihren Einnahmen: Er verdient sowohl an den Preissteigerungen über die höhere - und seit 2007 um 3 Prozentpunkte erhöhte - Mehrwertsteuer als auch an den Lohnerhöhungen über die überproportionale Einkommensteuer. Allein der Preisanstieg bei den Kraftstoffen bringt dem Staat gegenüber 2005 jährlich rund 3 Milliarden Euro mehr ein. Da ist die hartnäckige Weigerung von Finanzminister Steinbrück unverständlich, hiervon 2,5 Milliarden Euro den Pendlern über die Wiederherstellung der alten Pendlerpauschale zurückzugeben. Bei Lohnerhöhungen von durchschnittlich 1,6 % kassiert der Staat nicht nur 1,6 % mehr Steuereinnahmen, sondern darüber hinaus aufgrund der 'kalten Progression' noch zusätzlich 2,5 Milliarden Euro. Einer Studie des Instituts für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) zufolge soll die 'kalte Progression' allein in den Jahren 2006 bis 2012 zu Steuermehreinnahmen in Höhe von 63 Milliarden Euro (!) führen. 85 Prozent dieser Summe werden von Normalverdienern geschultert (BT-Dr. 16/8346). Diese unheimlich hohen heimlichen Steuererhöhungen sind gerade bei Normalverdienern ungerechtfertigt.
Passend zum Thema sei hier an eine Aussage von Bundeswirtschaftsminister Glos vom 11.5.2007 erinnert: "Auf einen angemessenen Anteil am gemeinsamen Erfolg haben gerade Arbeitnehmer ein gutes Recht. Wir dürfen ihnen diesen Anteil nicht im Wege schleichender Steuererhöhungen durch die sog. kalte Progression wieder wegnehmen." Richtig, das Problem scheint erkannt, jetzt müssen endlich Taten folgen.
Mit freundlichen Grüßen
Ihr
Peter Kauth
Redaktion Steuerrat24
Diese Ausgabe bietet folgende Themen:
Berufliche Ausgaben
Verdienst
Private Ausgaben
Kinder
Kapitalerträge
Nebentätigkeit
Eigenheim und Vermietung
Renten und Pensionen
Selbstständige
Kirchensteuer
Steuergrundlagen
Solidaritätszuschlag: Verfassungsbeschwerde ohne Begründung abgelehnt
Verlustabzug: Verlustvortrag des Erblassers nicht mehr beim Erben nutzbar
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