Communities of Practice haben sich in den 90er Jahre als Instrument für ganzheitliches Wissensmanagement insbesondere in Großunternehmen etabliert. Gerne werden sie auch an formelle Qualifizierungsmaßnahmen als so genannte Learning Communities angedockt.
Die arbeitsprozessbegleitenden, informellen Communities of Practice oder auch Wissens-Gemeinschaften finden sich immer häufiger auch im Internet. Dort aber nicht für den Wissensaustausch unter den eigenen Mitarbeitern eingerichtet, sondern von Organisationen aufgesetzt, die für die Kommunikation zwischen Mitarbeitern verschiedenster Unternehmen und Interessierten offen stehen. Diese organisations-übergreifenden Online Communities of Practice werden insbesondere von lernaktiven Mitarbeitern geschätzt. In der Personalentwicklung haben sie allerdings bisher noch keinen festen Platz erobert.
Lesen Sie,
Online Community of Practice – Personalentwicklung mit
informellen, organisations-übergreifenden Wissens-
Gemeinschaften?
Autorinnen:
Anja Johanning (MMB),
Friederike Ruth Bliss (Hochschule Stendal),
Hildegard Schicke (KOBRA)1
Communities of Practice haben sich in den 90er Jahre als Instrument für
ganzheitliches Wissensmanagement insbesondere in Großunternehmen
etabliert. Gerne werden sie auch an formelle Qualifizierungsmaßnahmen als so
genannte Learning Communities angedockt.
Die arbeitsprozessbegleitenden, informellen Communities of Practice oder auch
Wissens-Gemeinschaften finden sich immer häufiger auch im Internet.
Dort aber nicht für den Wissensaustausch unter den eigenen Mitarbeitern
eingerichtet, sondern von Organisationen aufgesetzt, die für die Kommunikation
zwischen Mitarbeitern verschiedenster Unternehmen und Interessierten offen
stehen. Diese organisations-übergreifenden Online Communities of Practice
werden insbesondere von lernaktiven Mitarbeitern geschätzt. In der
Personalentwicklung haben sie allerdings bisher noch keinen festen Platz
erobert.
Lesen Sie,
Ø was hinter diesen organisations-übergreifenden Online Communities of
Practice steckt.
Ø welchen Mehrwert diese Communities für die Mitarbeiter haben können.
Ø was das Besondere an diesen Communities of Practice ist.
Ø mit welchen Vorzügen und Herausforderungen die onlinebasierte
Kommunikation und Interaktion in Communities of Practice verbunden ist.
Ø worauf man achten muss, um geeignete für die eigenen Mitarbeiter
auszuwählen oder empfehlen zu können (10 goldene Regeln für Online
Communities of Practice).
Ø was ein Betreiber über seine organisations-übergreifende Online Community
of Practice zu sagen hat (Interview mit „sekretaria.de“).
Ø wo sich Online Communities of Practice finden lassen (Übersicht über Online
Communities of Practice).
Ø wie zukünftig die Nutzung und Akzeptanz dieser Communities aussieht.
Fehlermeldungen oder undefinierbare Ausfälle von Kopiergeräten versetzen
Servicekräfte eines Kopiergeräteherstellers nicht in Panik. Der Grund dafür sind
1
Die Autorinnen arbeiten im Rahmen des interdisziplinär ausgerichteten
Graduiertennetzwerkes Lernkultur Kompetenzentwicklung der Arbeitsgemeinschaft
Betriebliche Weiterbildungsforschung e.V. zusammen. Das Netzwerk wird vom
Bundesministerium für Bildung und Forschung sowie vom Europäischen Sozialfond
gefördert.
1
nicht alleine die regelmäßig durchgeführten Weiterbildungsmaßnahmen oder die
ständig aktualisierten Wartungshandbücher. Es sind Kollegen-Gespräche über
Erfahrungen aus der Arbeitspraxis, die beim Pausenkaffee („hang around the
coffee pot“) oder in der Kantine nebenbei ausgetauscht werden. Es ist auch die
Option bei akuten Problemen schnell einen Kollegen über „Walkie Talkie“ zu
kontaktieren und gemeinsam eine Lösung zu finden.
Diese Erkenntnis erbrachte eine vom Kopiergerätehersteller Xerox 1991
beauftragte Studie: Für die Effizienz und den Erfolg des Kundendienstes waren
nicht ausschließlich die zeit- und kostenaufwändigen Weiterbildungsmaßnahmen
verantwortlich.
Servicemitarbeiter bewältigten unvorhergesehene Probleme im Arbeitsalltag, in
dem sie informelle Wege suchten, um möglichst rasch beim Kunden vor Ort
Lösungen zu finden.
Wollte das Management von Xerox zunächst mit der Studie Hinweise und Tipps
gewinnen, um die Weiterbildungsmaßnahmen effizienter zu gestalten, so
diskutierten sie nun, wie diese informellen Wissensgemeinschaften, die die
Servicemitarbeiter im Arbeitsalltag selbstorganisiert aufgebaut haben,
systematisch gefördert und unterstützen werden könnten.
Diese in den 90er Jahren in der Personal- und Organisationsentwicklung als „the
invisible key to success“ oder Ort ganzheitlichen Wissensmanagements
diskutierten Praxisgemeinschaften hielten insbesondere in Großunternehmen wie
McDonalds, Hewlett Packard, Siemens, IBM, Shell, Weltbank und DaimlerChrysler
verstärkt Einzug.
Treiber für die systematische Unterstützung dieser informellen Praxis-
Gemeinschaften war, dass sich mit diesem Instrument Probleme am Arbeitsplatz
just-in-time und just-on-demand lösen lassen, gefachsimpelt, verschiedene
Perspektiven offen ausgetauscht und diskutiert werden können und daraus neues
Wissen, Ideen und Innovationen entstehen können.
Parallel zu den organisations-internen Communities of Practice, die zunehmend
auch auf Internet-Dienste wie Foren oder Chat als (zusätzliche)
Kommunikations- und Interaktionsplattform der Mitarbeiter (zu Kantine und zur
Kaffeeküche etwa) setzten, entwickelten sich so genannte organisations-
übergreifende Communities of Practice (siehe Grafik: Community-Varianten).
(Online) Community
(Online) Learning Community (Online) Community of Practice
begleitend zu Bildungsmaßnahmen, formelles Lernen arbeitsprozessbegleitend, informelles Lernen
oder
organisations-intern organisations-übergreifend
Abbildung 1: Community-Varianten, nach Anja Johanning 2005.
Diese organisations-übergreifenden, meist auch onlinebasierten Communities of
Practice passen in die gegenwärtige Zeit, in der sich Arbeitsverhältnisse und
2
Arbeitsorte flexibilisieren mit der Folge, dass Mitarbeiter nicht mehr ein
Arbeitsleben lang in einem Unternehmen beschäftigt sind.
Angesprochen werden von den virtuellen Communities of Practice Mitarbeiter
verschiedener Unternehmen mit ähnlichen oder verschiedenen beruflichen
Hintergründen (siehe Kasten 3: Übersicht über Online Communities of Practice).
Das vorrangige Ziele der Betreiber (u.a. IT-Unternehmen, Verlage) dieser
Communities ist nicht wie bei organisations-intern aufgesetzten Communities of
Practice eine Kommunikations- und Interaktionsplattform für
arbeitsprozessbegleitendes Lernen zu schaffen, sondern es geht darum, neue
Einnahmequellen für Inhalte zu erschließen oder für das eigene Unternehmen
Marketing zu betreiben.
Dennoch zeigte sich in einer Befragung von 814 Online Community of Practice-
Nutzern im deutschsprachigen Raum (durchgeführt vom Bundesinstituts für
Berufsbildungsforschung 2004), dass die Mitglieder einen Nutzen aus diesen
organisations-übergreifenden Gemeinschaften ziehen, der auch
Personalentwickler und Vorgesetzte in Organisationen interessieren dürfte.
Danach schätzen die Mitglieder dieser Communities besonders die Option,
• Lösungen auf konkrete Probleme und Fragen im Arbeitsalltag erhalten zu
können.
• Aber auch die Anerkennung und Bestätigung der eigenen Kompetenzen ist
ein Grund für die Nutzer, ihre Zeit zu opfern und ihr Wissen in den Online
Communities Preis zu geben.
• Darüber hinaus wird auch in den allgemeinen Tipps und Anregungen für
den beruflichen Alltag sowie
• Hinweisen auf Neuerungen wie z.B. Produktentwicklungen oder
Gesetzesänderungen jeweils ein Mehrwert gesehen. Ebenso wie Nutzer die
• Diskussion und Auseinandersetzung mit anderen nicht missen möchten.
Online Communities of Practice – was ist das Besondere an diesen
Gemeinschaften?
Wer also glaubt, der Nutzen solcher organisations-übergreifenden, online-
basierten Gemeinschaft ergebe sich alleine durch das Aufsetzen einer Internet-
Plattform, die Akquise von anerkannten Fachexperten oder ein attraktives
redaktionelles Umfeld, hat die Rechnung ohne die Mitglieder gemacht.
Online Communities of Practice sind Gemeinschaften, die durch die Teilhabe der
Mitglieder an der Gemeinschaft getragen werden. Die Herausbildung einer
Gemeinschaft kann von außen gestützt werden, die Gemeinschaft selbst muss
jedoch von innen wachsen.
„Gut funktionierende Communities of Practice“, so Community-Expertin Gabi
Reinmann, „entstehen nicht selten aus einem Leidensdruck heraus, der den
Austausch in der Gemeinschaft zur Notwendigkeit macht; oft ist es aber auch ein
geteiltes, gemeinsames Anliegen, das als Anknüpfungspunkt dient und aus dem
sich die Gemeinschafts-Kultur speist“. Derartige Communities of Practice finden
sich v.a. bei Softwareentwicklern, aber auch bei so unterschiedlichen
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Berufsgruppen wie Viehzüchtern, SekretärInnen, Ausbildern oder
Personalverantwortlichen (vgl. dazu Kasten 3: Übersicht über Online
Communities of Practice).
„Wenn keiner dieser Faktoren vorhanden ist“, schlussfolgert Gabi Reinmann,
„sind echte Communities of Practice, ganz gleich ob auf Initiative von
Mitarbeitern oder
Privatpersonen (bottom up)
oder von Organisationen
(top
down) aufgesetzt, mehr
Traum als Wirklichkeit“
(vgl. dazu auch Kaste 1: 10
goldene Regeln für Online
Communities of Practice).
Abbildung 2: Merkmale einer
Online Community of Practice;
nach Gabi Reinmann-Rothmeier
2000
Communities of Practice leben davon, dass sich Mitglieder aktiv einbringen, sich
austauschen, kooperieren aber auch mal streiten.
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