Veröffentlicht am 11.04.2001

Name: Tilo Schultz
Unternehmen: Wassermann AG
Funktion im Unternehmen: Chief Operating Officer (COO)
Kurzeinführung in das Titel-Thema:
Die Wassermann AG ist einer der erfolgreichsten deutschen Anbieter im SCM-Umfeld. Mit der neuen Lösung HighWAY.add möchte die Wassermann AG die ERP-Landschaft revolutionieren. Mit der Integration von klassischen ERP-Leistungen (wie z.B. Grunddatenverwaltung und Bestandsführung) und klassischen SCM-Funktionen entsteht eine prozessorientierte Unternehmenssoftware. Also nicht mehr getrennte Systeme, einerseits eine losgelöste ERP-Lösung und andererseits eine nicht prozessorientierte SCM-Software. Tilo Schultz beschreibt nachfolgend das Konzept.

Sehr geehrter Herr Schultz,
Competence Site:
Die Wassermann AG hat klassische ERP-Funktionen wie Grunddatenverwaltung und Bestandsführung in ihre SCM-Lösung WAY integriert. Was ist der Hintergrund für diese Integration? Welche Vorteile ergeben sich daraus? Was bedeutet in diesem Zusammenhang prozessorientierte Unternehmenssoftware? Wie gestaltet sich bei dieser Architektur der Planungs- und Steuerungsprozess?
Tilo Schultz:
Bislang stand "realtime" im Unternehmen im Vordergrund. Das führte zu der paradoxen Situation, dass bei der Rückmeldung der Fertigung die Lohnbuchhaltung "realtime" über die Vorgänge Bescheid wusste, die Kunden und Lieferanten aber erst Wochen später die wesentlichen Informationen erhielten. Diesen Missstand räumen wir aus - "realtime" über die Supply Chain.
In unseren Projekten haben wir bisher unsere WAY Supply Chain Simulation auf das datenführende System aufgesetzt. Mit HighWAY.add bieten wir Unternehmen eine integrierte schnittstellenfreie Softwarelösung, mit der tatsächlich "real-time" gearbeitet werden kann. Das Wesentliche an dieser neuartigen Unternehmenssoftware ist ihre durchgängige Prozessorientierung. Im Vordergrund steht die komplette Supply Chain mit ihrer Leistungserbringung, sie kann mit dem Instrumentarium der HighWAY Suite geplant, gesteuert und optimiert werden. Administrative Abläufe und die entsprechenden Applikationen und/oder Dienstleister erhalten ihre Daten dann aus HighWAY bzw. werden innerhalb von HighWAY aus der Prozessteuerung generiert und weitergegeben. Wir drehen also den bisherigen Aufbau von ERP-System plus Add-on um und konzentrieren uns damit auf das schnelle Tuning der ertragsrelevanten Vorgänge.
Competence Site:
Wie reagiert der Markt bzw. reagieren bisher Ihre Kunden auf die Ankündigung von HighWAY? Mit welcher Nachfrage bei Alt- und Neukunden rechnen Sie im kommenden Jahr? Für welche Kunden ist HighWAY besonders interessant?
Tilo Schultz:
Sowohl unsere Kunden als auch neue Interessenten sind begeistert von unserer HighWAY Idee, das haben wir nicht nur auf der CeBIT erfahren. Jeder Geschäftsführer, der über die eigenen Unternehmensgrenzen hinweg denkt, ist ein potenzieller HighWAY Kunde, da die Software insbesondere den Aufbau und die Optimierung unternehmensübergreifender Supply Netze unterstützt. HighWAY.add ist die ideale Komplettlösung für alle, die planen, ihre alte Unternehmenssoftware komplett zu ersetzen und dabei auf ein schnittstellenfreies Produkt setzen, das ihnen rückstandsfreies und termintreues Arbeiten ermöglicht.
Competence Site:
Wie sieht die Situation bei Wettbewerbern der Wassermann AG aus? Streben - Ihrer Kenntnis nach - auch Wettbewerber der Wassermann AG eine ähnliche Integration wie die Wassermann AG an bzw. haben Wettbewerber schon ähnliche Ansätze realisiert? Wodurch unterscheidet sich der Ansatz der Wassermann AG?
Tilo Schultz:
Sehen Sie, es ist ein riesiger Unterschied, ob Sie versuchen, ERP-Systeme zu vernetzen oder ob Sie - wie wir es tun - eine Software zur Supply Chain Ressourcenplanung völlig neu entwickeln.
Uns ist nicht bekannt, dass einer unserer Wettbewerber einen ähnlichen strategischen Ansatz hat und/oder an der Entwicklung eines integrierten Systems arbeitet. Und wenn ERP- und SCM-Funktionalitäten zusammen gebracht werden, dann aus der ERP-Perspektive, d.h. immer auf die Optimierung eines Einzelunternehmens bezogen, was der Supply Chain Idee des Gesamtoptimums des Leistungsprozesses im Grundsatz widerspricht. Die ERP-Anbieter haben noch eine ganze Weile mit ihren eigenen Paradigmen zu kämpfen.
Competence Site:
Die Wassermann AG spricht von einer Revolution auf dem ERP-Markt. Wie reagieren ERP-Anbieter auf Ihren Ansatz? Welche ERP-Anbieter unterstützen den Ansatz der Wassermann AG? Droht ERP-Anbietern eine Aushöhlung ihrer eigenen Systeme?
Tilo Schultz:
Von einigen Anbietern haben wir überaus positives Feedback bekommen, mit Brain International entwickeln wir beispielsweise eine HighWAY.automotive Lösung. Mit Lizenznehmern von ProAlpha und mit Implementierern von SAP gibt es konkrete Gespräche. Aber natürlich sind nur wenige Hersteller bereit, sich auf unsere Planungslogik einzustellen. - Das kann dem Kunden aber egal sein, einbinden lässt sich jedes System, in Punkto "connectivity" haben wir 20 Jahre Erfahrung.
Viele Unternehmen haben in den letzten Jahren aufwändig ERP-Systeme eingeführt. Je nachdem, wie schnell sie die wirtschaftliche Bedeutung von Supply Chain Management oder noch neudeutscher "Collaborative Commerce" erkennen, werden sich diese Systeme überholen, bzw. nur mit ihren administrativen Funktionen genutzt werden.
Competence Site:
Welche Bedeutung hat in diesem Zusammenhang die Kooperation mit der Swisslog Gruppe? Was sind die Hintergründe für die Zusammenarbeit mit der Swisslog-Gruppe? Welche Bedeutung hat die Kooperation mit der Deutschen Telekom AG?
Tilo Schultz:
Swisslog bringt in unsere Allianz sehr viel Fachwissen und Erfahrung aus der Fördertechnik, Automation, Distribution und aus der ERP-Welt mit, wobei unsere Stärken in der Steuerung des Produktionsprozesses liegen. HighWAY ist ein erstes greifbares Ergebnis dieses gebündelten Know-hows und der Synergien, die sich daraus ergeben. Letztendlich wird IT implementiert, um Warenströme zu bewegen. Es macht also Sinn, beide Welten zu vereinen: Supply Chain Management und Materialdistribution.
Durch die Kooperation mit der Deutschen Telekom können wir unsere WAY Supply Chain Simulation auch als Application Service Providing (ASP) Lösung anbieten, die Telekom vermarktet dies ebenfalls. Als Kommunikationsinstrument zwischen verschiedenen Unternehmen bildet WAY auf Basis der ENX (European Network Exchange)-Technologie die Integrationsplattform für unterschiedliche ERP-Systeme. Im Bereich Supply Chain Management wird sich fremdgehostete Mietsoftware sicher in den kommenden Jahren durchsetzen. Für uns ist dies eine weiteres Vertriebsstandbein.
Competence Site:
Einige persönliche Fragen: Seit wann sind Sie für die Wassermann AG tätig? Warum haben Sie sich für die Wassermann AG entschieden? Was waren für Sie bisher die wichtigsten Erfahrungen als Mitarbeiter der Wassermann AG? Welche Ziele möchten Sie in den kommenden 2 Jahren realisieren?
Ganz zuletzt: Was erwarten Sie von einem Kompetenzzentrum SCM/PPS?
Tilo Schultz:
Ich bin seit Januar 1999 bei der Wassermann AG. Auf meinen beruflichen Stationen, angefangen bei Honda in den USA über Roland Berger & Partner und zuletzt bei Husky IMS Toronto verantwortlich für den Bau schlüsselfertiger Fabriken, habe ich immer wieder ganz massiv die Schwächen konventioneller ERP-Systeme ertragen müssen. Wassermann bot mir endlich die Chance, mit einer schlüssigen Philosophie und Software eine genial einfache Lösung anzubieten.
In den nächsten zwei Jahren werden wir gemeinsam mit Swisslog zum führenden Supply Chain Solution Anbieter weltweit werden. Das erreichen wir vor allem durch zufriedene Kunden, bei denen wir Folgegeschäft generieren.
Ein Kompetenzzentrum SCM/PPS sollte einem interessierten Industrieunternehmen umfassend und objektiv das notwendigen Wissen zu diesem Thema zur Verfügung stellen. Wir erwarten uns darüber hinaus von Ihrer Plattform, dass das Know-how spannend und neu vermittelt wird, d.h. bspw. über unterschiedliche Darstellungsformen und/oder Medien.
Sehr geehrter Herr Schultz, vielen Dank für das Interview!