Kopfzeile

  COMPETENCE REPORT 46 19/11/2017  

Fokus Drucker: Von der Kraft der schöpferischen Erneuerung - Plädoyer für eine unternehmerische Gesellschaft

Sehr geehrte(r) Martina Mustermann,

Als ich vor gut zwanzig Jahren Peter Druckers bahnbrechendes Buch

"Innovation und Entrepreneurship" (s. hier)

las, hat mich die klare Verknüpfung von Innovation und Unternehmertum tief beeindruckt. Daran erinnere ich mich noch heute sehr gut. Meine Überraschung war jedoch groß, als ich nach Lektüre der eigentlichen "technischen" Abschnitte  auf das Abschlusskapitel stieß. Dieses letzte Kapitel hieß:

"The Entrepreneurial Society"

Hier bewegte sich Drucker in der für ihn so charakteristischen Weise von der instrumentellen Management-Ebene auf die gesellschaftliche Ebene.

Und was er dort zeigt, sollte aufhorchen lassen:

"They (innovation & entrepreneurship)
promise to keep any society, economy, industry,
public service, or business flexible and self-renewing".

Die Überzeugung, dass Unternehmer die treibende Kraft im Kapitalismus seien, hat Drucker von seinem Mentor Schumpeter übernommen und zu seinem eigenen Credo erhoben. Tatsächlich sind Unternehmer diejenigen, die durch Risikobereitschaft, Kreativität und Dynamik die Wirtschaft von Innovationszyklus zu Innovationszyklus treiben. Dass es dabei immer wieder zu Brüchen kommt, steht außer Zweifel: Das, was Schumpeter „kreative Zerstörung“ nannte, stellt heute der große Management-Denker der Harvard Business School, Clayton Christensen in den Fokus seiner Forschung: Disruption und disruptive Innovation wie zuletzt im HBR so treffend dargestellt, s. hier.

Die Drucker'sche Vorstellung einer „unternehmerischen Gesellschaft“ geht jedoch noch einen Schritt über Schumpeter und Christensen hinaus:

Eine Gesellschaft,
die den Unternehmergeist fördert,
öffnet das Denken und lässt Neues zu.

Innovation und Unternehmertum beschränken sich nämlich nicht auf die großen, disruptiven Veränderungen – sie umfassen auch die kleinen, aber bedeutsamen Verbesserungen bestehender Produkte, Dienstleistungen oder Geschäftsmodelle. Inkrementelle Innovationen bedeuten weniger Risiko, allerdings bedürfen auch sie eines kritischen, wachen Verstandes, der Chance zur Verbesserung erkennt und damit erhebliche Werte für Unternehmen und Gesellschaft schafft.

Und gerade aus diesen kleinen Schritten entstehen immer wieder große, unerwartete Durchbrüche. Tatsächlich ist etwa "Serendiptiy" (zu dt.: zufällige Entdeckung) – hier geht es um kreatives, menschliches Potential weitab von logischen Abläufen und Algorithmen – eines der großen Gebiete, auf die im Zuge der Diskussion über die Automatisierung von Arbeitsschritten und die Auslagerung von Arbeiten an Computer schlicht vergessen wurde. Selbst wenn der öffentliche Bereich durch inhärente Bürokratie und gesetzgeberische Rahmenbedingungen kein Hort der Innovation ist, so sind inkrementelle Innovationsschritte dennoch immer wieder möglich.

Video 1: Dr. Straub mit Professor Meffert, Christian Thunig, Thomas Sattelberger

Natürlich muss man sich die kritische Frage gefallen lassen, ob die Vorstellung einer von Unternehmergeist und einer „neuen Offenheit“ durchdrungene Gesellschaft nicht von Wunschdenken getrieben ist. Geschieht derzeit nicht das genaue Gegenteil? Scheinen nicht Risikoscheue und eine geradezu erdrückende Bürokratie täglich zuzunehmen? Der Wunsch der Bürokraten, Mikromanagement zu kultivieren –  bis hin zur legendären Krümmung der Banane – ist tief im Denken des Industriezeitalters verankert. Länder wie Frankreich wenden das innovationsfeindliche Vorsichtsprinzip nicht nur an, sondern haben es sogar in den Rang eines Verfassungsgesetzes erhoben. Ist es nicht so, dass dirigistische Maßnahmen in erhöhtem Maß die Märkte verzerren, um vorbei an Preis- und Marktlogik ideologische Ziele zu erzwingen? Gut gemeinte Maßnahmen werden top-down verordnet und zeitigen mehr unerwünschte Folgen als gewünschte Ergebnisse – Stichwort Energiewende. Denker wie Jeremy Rifkin streben mit planwirtschaftlicher Ideologie die „dritte industrielle Revolution“ an (wie er sie nennt) und werden von Politikern als Gurus gefeiert. Zeiten des Wandels sind keine Ausnahme; seit der industriellen Revolution sind sie die Regel. Allerdings verleiht die exponentielle Entwicklung der digitalen Technologie dem derzeitigen Wandel einen besonderen Charakter.

Die stürmische Entwicklung der digitalen Technologien erhöht freilich die Chancen der Ausbreitung unternehmerischen Denkens und Handelns. Die Kombination menschlicher Kreativität und Erfindungskraft mit der exponentiellen Entwicklung der neuen Technologien eröffnet neue Felder mit gewaltigem Potenzial –  von der Verbesserung von Prozessabläufen über die Transformation des Unternehmens bis hin zu neuen Geschäftsmodellen. Dazu kommt, dass die Einstiegsschwellen ins High-Tech Unternehmertum nie niedriger waren. Der Zugang zu Internet-basierten Diensten macht es möglich – denken wir nur an Software As A Service, Cloud Computing, Open Innovation Platforms, etc.

Abb 1: Agile Manifesto, die Digitalisierung als Plattform für neues Unternehmertum?

Wie können wir da das von Peter Drucker immer wieder beschworene Spannungsfeld von Kontinuität und Veränderung bewältigen?

• Blutige Revolutionen sind nicht die Antwort, die wir uns wünschen –  die Balance zwischen vorhandenen Stärken und neuen Möglichkeiten ist allerdings schwer zu finden. Hier sind Management und Führungsqualität  gefragt: Tatsächlich bieten uns die Management-Lehre und die fortschrittliche Praxis neue Ansätze, die ernst genommen werden müssen ohne auf den Hype des Tages hineinzufallen.

...

• Ausgehend von der Software Entwicklung und basierend auf dem "Agile Manifesto" hat sich eine Vielzahl adaptiver  Management-Methoden entwickelt, die neue Antworten auf die drängende Umweltdynamik entwickeltn  und die starren und bürokratischen internen Artbeitsprozesse zu überwinden suchen. So hat etwa Jeff Sutherland mit „Scrum“ ein Rahmenwerk für das Management von komplexen Projekten geschaffen, das wiederum von Autoren wie Steve Denning als neue Management-Philosophie angepriesen wird. „Design Thinking“ fördert Prototyping und schneller Lernzyklen, die die alte unternehmerische Planwirtschaft abzulösen suchen.

...

• Unternehmerpersönlichkeiten wie Hasso Plattner haben zur Verbreitung dieses Denkens erheblich beigetragen – Stichwort: Stanford D-School. Die Startup-Szene wurde duch die Aglilitäts-basierten Ideen des Lean Start-up belebt – mit herausragenden Figuren wie Eric Ries und Steve Blank. Diese haben jedoch nicht bei Unternehmensgründungen haltgemacht. Sie dringen in jene Großstrukturen vor, wo Unternehmen wie GE und Amazon (trotz aller berechtigter Kritik an überzogenen Perfomance Management-Praktiken) ernsthaft an einer neuen Form von "Beidhändigkeit" arbeiten: gemeint ist die Fähigkeit, nicht nur das bestehende Geschäft mit operativer Exzellenz abzuwickeln, sondern auch Innovations-Zellen zu schaffen, die nicht sofort von der bestehenden Unternehmensbürokratie erdrückt werden. Denker der jungen Generation wie Alexander Osterwalder liefern konkrete Umsetzungsinstrumente für diese neuen Konzepte, die im Unternehmensalltag breitflächig eingesetzt werden können - Stichwort: Business Model Canvas.

Allesamt Ideen und Methoden, die auf Agilität, Flexibilität und kontinuierlicher Anpassungsfähigkeit setzen. Sie dienen dazu, eine digitale Transformationsideologie zu verhindern, die alte Prozess-Strukturen automatisiert und verfestigt.

Wie hat es Drucker so schön formuliert?  

"There is nothing so useless as doing efficiently
what should not be done at all.”

Um Kontinuität und Wandel zu stärken, darf natürlich auch auf vorhandene Atouts wie die Stärke und Vitalität des deutschen Mittelstandes nicht vergessen werden. Allerdings lauert auch hier die Gefahr, sich in den Erfolgen der Vergangenheit zu sonnen und damit die nächste Innovationswelle zu verpassen.  Wir befinden uns somit in einem Spannungsfeld, das es zu gestalten gilt. Und es ist gut zu wissen, dass wir hier nicht mit Naturgesetzen konfrontiert sind, sondern mit dem, was Peter Drucker „gesellschaftliche Ökologie“ nannte:  ein von Menschenhand gestaltetes institutionelles und organisatorisches Umfeld, das den Rahmen für unser Handeln und Unterlassen darstellt.

Die junge Generation hat diesen notwendigen Übergang bereits antizipiert – bekanntlich hat die Generation Y wenig Ambitionen, in traditionellen bürokratische Hierarchie zu arbeiten:  Sie sucht nach   Lernerfahrungen, die der Gestaltung eines flexiblen und als sinnvoll empfundenen Berufsweges dienen. Dass es dabei auch zu einer Neugestaltung des Gesellschaftsvertrages kommen muss, der die Pönalisierung von selbständiger Tätigkeit gegenüber traditionellen Angestellten-Verhältnissen beseitigt, liegt auf der Hand. Allerdings wird dies auch erhebliche Innovationsfähigkeit der Politik erfordern, wo die Welle der "Uberisierung" den Mangel an Antizipation und Anpassungsfähigkeit bloßgelegt hat.

 

Fazit:

Die Zukunft ist offen –  wir haben sie zu gestalten. Was wir bereits sehen, sind große und wichtige Initiativen, die gewaltige Energien bündeln und somit Katalysatoren für neue Entwicklungen darstellen können.  Ich denke etwa an das Startup-Fest Europe  unter der niederländischen EU- Präsidentschaft; an das Pioneers Festival in Wien sowie an unser eigenes Drucker Forum im November 2016, das sich genau diesen Fragestellungen widmen wird.

Unternehmerischen Denken und Handeln hat eine tiefe Verankerung in der menschlichen Natur, die mit Eigenständigkeit, Würde und Kreativität zu tun hat. Auch unsere demokratischen Grundwerte sind in einer Gesellschaft besser vertreten, in der nicht Ideologie, Zwangsbeglückung und Denkverbote dominieren, sondern Offenheit, kritisches Denken, Pragmatismus und sinnvoller Umgang mit Risiko.  Ich plädiere daher mit Nachdruck für Druckers Idee einer „Unternehmerischen Gesellschaft“ als positive Vision für die Zukunft einer Menschen-orientierten Marktwirtschaft.

Vielleicht können wir mit "schöpferische Erneuerung" die martialischen Töne von kreativer Zerstörung und Disruption überwinden und dabei eine Geisteshaltung entwickeln in der Kontinuität und Wandel Vorrang vor den von Peter Drucker immer verabscheuten blutigen Revolutionen hat.

Mit besten Grüßen

Ihr Dr. Richard Straub, Drucker Forum

NetSkill Solutions GmbH

Deutschland liebt es zu klagen, am liebsten über das eigene digitale Unvermögen wie es zuletzt die Redaktion der WELT wieder vorexerziert hat. Dabei gibt es eine Vielzahl faszinierender Unternehmen wie ifm. ifm arbeitet als Kooperationspartner von Google (!) an der Zukunft der virtuellen Realitäten mit und begeistert sogar Obama/Merkel!

Mehr...

---

Richard Straub

Dr. Richard Straub beginnt seinen Beitrag für die Zeitschrift Harvard Business Review mit einer kritischen Analyse: "For the last 200 years, entrepreneurial prowess enabled by financial capital has powered a long surge of economic growth. Fast forward to today, and the picture is not so happy. There are certainly many causes for concern. A striking feature of today’s fragile world situation is …

Mehr...

---

Winfried Felser

Das #NextAct-Event in Köln begann bewusst mit einer Diskussion über Ethik und Werte in der #NextEconomy mit den führenden Köpfen Professor Heribert Meffert, Dr. Richard Straub und Thomas Sattelberger. Die Runde wurde von Christian Thunig, Chefredakteur Absatzwirtschaft, moderiert.

Mehr...

Professor Christensen explains why just pursuing efficiency is not enough, which is an important message for the next generation of Lean thinkers.

Mehr...

NetSkill Solutions GmbH

Auf dem Drucker Forum forderte  Professor Christensen am Schluss, dass die beteiligten Köpfe noch intensiver ihre Ideen, Begriffe und Folien wechselseitig austauschen, um so noch besser voneinander zu lernen. Für diese Möglichkeit des Mind Sharing dankt er zum Schluss Dr. Richard Straub.

Mehr...

Winfried Felser

It is time to look up and start conversation! Warum das so ist, verriet Professor Sherry Turkle 2015 auf dem Drucker Forum in Wien.

Mehr...

Werden sich Unternehmen auf Kernmannschaften reduzieren? Brauchen wir ein Grundeinkommen? Ist Uber eine Heilsbotschaft oder eine Mogenpackung? Wie gehen wir in Zukunft mit Standards um, was Vergütung, Datenschutz etc. angeht? Brauchen wir einen aufgeklärten Konsumenten? Und was hat die NextEconomy mit der Produktion und den 3D-Druckern zu tun? Das waren die Fragen des Internet-Plenum auf dem Drucker Forum 2015.

Mehr...

NetSkill Solutions GmbH

Sind Sie ein Bla oder ein Bla Bla oder gar ein Bla Bla Bla ... ? Das kann ein entscheidender Faktor in der #NextEconomy sein. Mehr erfahren Sie im Vortrag von Rachel Botsman auf dem Drucker Forum.

Mehr...

NetSkill Solutions GmbH

Tom Davenport - wie Gunther Dueck - macht klar, dass nicht alle Jobs verloren gehen, sondern Aufgaben innerhalb aller Jobs. Zugleich ist der Autor des neuen Buchs "Only Humans Need Apply - Winners and Losers in the Age of Smart Machines" klug genug, um nicht in die Effizienzfalle zu fallen. So schreibt sein Verlag: "The key is augmentation, utilizing technology …

Mehr...

Simon-Kucher & Partners

Professor Hermann Simon kannte Peter Drucker persönlich. Über viele Jahre hatten sie sich ausgetauscht, u.a. zum Thema der "Hidden Champions", aber auch zu prägender Literatur. 2016 gehört Professor Simon wieder zu den Köpfen des Drucker Forums 2016.

Mehr...

Hermann Simon

"What this book actually dealt with is: THE FUTURE OF SOCIETY." So lautet der letzte Satz in Peter F. Druckers 1999 erschienenem Buch "Management Challenges for the 21st Century" . Die Zukunft war immer Druckers Lieblingskind. Aber über die Zukunft sinnieren und schreiben viele. Doch kein anderer

Mehr...

Hailed as the "Davos of management", the Global Peter Drucker Forum is one of the leading management congresses in Europe. See here what the Drucker Forum is about and check out the website https://www.druckerforum.org/ for detailed info on this year's conference theme "The Entrepreneurial Society. Moving Beyond a Society of Employees".

Mehr...

Dear Participant, You are about to register for the 8th Global Peter Drucker Forum 2016 which will be held in the historical building of Aula der Wissenschaften/Hall of Sciences (Wollzeile 27a – 1010 Vienna) on Thursday 17 and Friday 18 November 2016 (we start on Nov 17 at 08:30 and end on Nov 18 at +/- 17:00). The theme for this year’s Drucker …

Mehr...

  EINSTELLUNGEN, ABBESTELLEN